chai. China-Filmfestival

13.02.–16.02.2019

Cinémathèque

www.chai-filmfestival.de




Bild: THE SILK AND THE FLAME

Aus Seelenabgründen klingende Oden an die Stärke

Ein Blick auf das chai. China-Filmfestival

... dessen bereits sechste Ausgabe wieder einen breiten Themenbogen spannt. Die Eröffnung gebührt LADY OF THE HARBOUR, selbige heißt Suzanne, vor Jahren aus China nach Europa geflohen, sich um syrische Migranten kümmernd. Eine aufreibende Mammutaufgabe, Suzanne droht auf der Strecke zu bleiben, allerdings auch aus Zuschauersicht – sie als Charakter zu begreifen, verwehrt uns das Porträt, bloß Andeutungen huschen vorbei. Löst der einem ihr geltenden Attentat zum Opfer gefallene Vater Schuldgefühle aus, trauert sie um eine entfremdete Tochter, wie läuft Suzannes Beziehung? Vielleicht kann der zur Vorführung anwesende Regisseur spannende Antworten liefern.

Ebenfalls zum Gespräch geladen ist die Regisseurin von FAREWELL YELLOW SEA: Hier verschlägt es Krankenpflegerin Qing gen Schopfheim. Was für brandneue Erfahrungen warten auf die junge Frau? Derweil besucht Yao in THE SILK AND THE FLAME zum Neujahrsfest seine Familie. Er, Ende 30 und unverheiratet, gilt als schwarzes Schaf, die Nachbarn tuscheln nicht mehr, sondern tratschen offen, seine taubstumme Mutter bohrt verbissen, der Vater, angesichts zweier Schlaganfälle kaum bewegungsfähig, scheint lediglich am Leben festzuhalten, um endlich eine Schwiegertochter zu haben. Yao liebt aber Männer, enthüllt uns innere Grabenkämpfe, während schöne Schwarzweißbilder zusätzliche visuelle Kontraste setzen.

Sehenswert außerdem die knapp einstündigen LAST DAYS IN SHIBATI, dem letzten traditionell geprägten Viertel inmitten der Metropole Chongqing. Sein Untergang ist regierungsseitig beschlossene Sache, Hochhäuser sollen zukünftig dort als anonyme Menschenunterbringung fungieren, wo derzeit jeder jeden kennt. Man weicht gezwungenermaßen, in halbjährlichen Abständen erleben wir den Fort- und Niedergang, treffen Zhou Hong, einen aufgeweckt-höflichen kleinen Jungen, dessen Familie gleichsam umsiedeln muß. Genau wie die betagte Müllsammlerin Xue Lian, eine ihrer Unbill zum Trotz stets glückliche Person, deren strikte Weigerung, jemals mit dem Geschick zu hadern oder gar aufzugeben, einige Demut lehrt.

Auf noch weitaus überwältigendere weibliche Stärke fokussiert die nächste Doku und beleuchtet ein furchtbares Kapitel chinesischer Geschichte: Zu Zeiten japanischer Besatzung wurden Frauen in die Prostitution gezwungen, mußten „Comfort Women“ fürs Militär sein. Wie eine Schrifttafel nüchtern konstatiert, erlitten etwa 200.000 Chinesinnen dieses Schicksal, nur sehr wenige überlebten, der größte Teil fiel Folterungen zum Opfer oder beging Suizid. Um die Erinnerung daran am Leben zu erhalten, besucht TWENTY TWO die 22 verbliebenen Überlebenden, sämtlich über 80 respektive 90 Jahre alt. Nicht alle möchten sich zeigen, das Schweigen brechen schon gar nicht. Da braucht’s sowieso keine Worte, es genügt, in tief zerfurchte Gesichter und auf glitzernde Tränen zu schauen, selbstvergessener Fürsorge für Nachbarskinder und -katzen nachzuspüren, um zersplitterte Seelen zu offenbaren.

Spielfilmseitig entblättert der fast fordernd klingende GIRLS ALWAYS HAPPY eine Haßliebe zwischen Mutter und Tochter, wohingegen THE WIDOWED WITCH erzählt, daß eine mehrfach verwitwete Frau zur Hexe abgestempelt wird. Schließlich wäre OLD BEAST zu empfehlen: Lao Yang verehrt Glücksspiel und seine „Mistress“, die Gattin liegt gelähmt zu Hause, benötigt eine teure Operation. Das Geld kratzen mühsam ihre Kinder zusammen; Yang stiehlt es. Vorläufiger Höhepunkt jener zunehmend komplexeren Tragödie, angesiedelt in einer komplett verkommenen, vom schnöden Mammon verseuchten, inhumanen Welt. Schauplatz eines düsteren, dreckigen Meisterwerks mit an emotionaler Zerstörung grenzendem Ende. Mutige lösen das Ticket ...

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...


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