Eiichi Yamamotos Animerama-Trilogie

ab 07.06.2018

Luru

Nackter Wahnsinn und ein Teufelsschwanz

Ein Blick auf die Animerama-Trilogie

Dem aktuellen Trend gefolgt und möglichst pauschal formuliert: Man nehme die üblichen breiten Münder und großen Augen, ergänze sie um üppige Oberweiten – fertig ist das Anime-Kino von Eiichi Yamamoto. Sein beim Stammstudio Mushi Production (vom Kneipenfreisitz weht grölendes Gelächter vorbei) entstandenes Animerama-Triple erlebt nun nach knapp 50 Jahren neue deutsche Leinwandehren; wir haben schon vorab reingeschaut.

In 1001 NIGHTS kam Aldin wohl ein A abhanden, während er reichlich zwei Stunden benötigt, um vom Wasserverkäufer zum König Bagdads aufzusteigen. Die erotisch angehauchte, episodisch erzählte Karriere inkludiert ständige Orts- und Damenwechsel ebenso wie eine Schlacht zweier Monster, finstere Geheimnisse hütende Schönheiten oder einen mit würgendem Haar (!) ausgeführten Catfight. Und obwohl die grundsätzlich eher zweckmäßige Animation regelmäßig verblüffende, spannende Details aufbietet, spielen sich die wirklich interessanten Dinge doch auf einer sehr hörenswerten Tonspur ab.

Der Mittelteil CLEOPATRA erschien zwar z.B. als CLEO UND DIE TOLLEN RÖMER bereits divers auf VHS und DVD, ließ dort aber etwa 20 Minuten bekloppter Rahmenhandlung vermissen. Ungeachtet jetziger Komplettierung des Werkes bleiben Inhalt sowie Beurteilung unverändert: Zunächst noch normal hübsch, wird die Titelheldin zur scharfen Sex-Waffe gepimpt, um Diktator Caesar ums Eck zu bringen. Bekanntlich erledigten das ein paar Senatoren, deswegen folgt Marcus Antonius auf der Liste. Daraus generiert sich rustikal humorisierter, fast allein wegen Cleopatras notgeilem Hausleoparden leidlich unterhaltsamer Quark, welcher nicht mal der alten Revoluzzer-Amme gestattet, die erstaunlich prallen Brüste im Gewand zu lassen.

Bekanntlich kommt der Höhepunkt stets am Schluß, hier BELLADONNA OF SADNESS, ein wilder, psychedelischer Rausch, dessen Fülle und regelrecht schreiende Farbigkeit im Kontrast zum simpel-finsteren Plot stehen. Dieser berichtet, daß Bauernmädchen Jeanne am Vorabend der Französischen Revolution durch ein Verbrechen – optisch wortwörtlich – zerrissen wird, daraufhin den als wachsenden Penis visualisierten Teufel ruft und Luzifer ihre Seele vermacht. Schlechter Plan. Wie Yamamoto da Stand- und bewegte Bilder verschmilzt, Scherenschnittanmutungen und Aquarelle mischt, Masahiko Satôs Soundtrack attackieren läßt, darf man getrost genial nennen. Unerschrockene gehen hin!

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...


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