Nobody’s Business?
16.09.–28.09.2010
Cinémathèque
Bild: From Somewhere to Nowhere
In Zeiten der sich medial zyklisch abwechselnden Naturkatastrophen, Kriege und Krisen, die uns fast nur noch wie ein Hintergrundwabern erreichen, denn nur Weniges und genügend Drastisches schafft es, wirklich durchzudringen, sind es überlegt kuratierte Filmreihen, die es trotzdem ermöglichen, sich einem Dauerthema neu zu öffnen. „Nobody’s Business? Filme und Gespräche über Migration und Arbeit“ überschreibt die Cinémathèque ihr Programm, das sie im Rahmen der diesjährigen Interkulturellen Wochen zeigt. Ein Problemfeld, dem sich acht dokumentarische und fiktive Arbeiten auf sehr persönliche Weise nähern. So werden hinter den statistischen Zahlen von Migrationsbewegungen Menschen sichtbar.
In ON THE WAY TO SCHOOL tritt Esram, ein junger türkischer Lehrer, der aus dem europäischen Teil des Landes stammt, seinen ersten Job im Osten der Türkei an, wo kaum ein Kind türkisch spricht, und die Zeit seit Jahrzehnten still zu stehen scheint. Orhan Eskiköy und Özgür Dogan begleiten den jungen Mann, der eine fremde Seite seines Landes kennenlernt und sich der kurdischen Kultur, die auf seine türkische, „moderne“ Sozialisierung trifft, aussetzen muß. Die filmische Beobachtung einer langsamen und teilweise sehr amüsanten Annäherung zwischen Lehrer und Schülern lebt vor allem von der zurückhaltenden Empathie der Filmemacher – eine warmherzige Zustandsbeschreibung, die über den Mikrokosmos eines Dorfes am gefühlten Ende der Türkei weit hinausgeht.
Auch Eyal Sivan mit JAFFA – THE ORANGE’S CLOCKWORK und LES ARRIVANTS von Claudine Bories und Patrice Chagnard spannen die Bögen für den Rezipienten sehr weit und lassen Raum und Zeit, ihre Dokumentarfilme zu erkunden. Sivan nimmt die Jaffa-Orange zum roten Faden, um eine Geschichte des Nahostkonfliktes zu erzählen: Der Mythos des orangefarbenen Goldes wird anhand von alten Werbekampagnen, Propagandafilmen, Postern, Gemälden und Fotos „seziert“, um die kulturelle, ökonomische, aber vor allem politische Entwicklung von Jaffa und seinen Orangenhainen exemplarisch zu untersuchen. Auf den Plantagen arbeiten heute übrigens hauptsächlich thailändische Gastarbeiter.
LES ARRIVANTS bedient sich hingegen der klassischen Methode des Cinéma verité. Die Filmemacher halten präzise fest, was in einer städt-ischen Anlaufstelle für Asylsuchende in Paris passiert. Sie tun dies mit gutem Gespür für die Momente, die mehr erzählen, als die bloße Dramatik offensichtlicher Notsituationen. Es geht ihnen vor allem darum, die zwischenmenschlichen Begegnungen von „Bedürftigen“ und „Helfern“ festzuhalten, wobei sich die Rollen im Film verschieben. Verzweiflung und Überforderung werden auf beiden Seiten spürbar – ein sensibler und emotional hochkomplexer Film.
Auch interessant: FROM SOMEWHERE TO NOWHERE von Villi Herrmann. Er begleitet den Schweizer Fotoreporter Andreas Seibert, der sich thematisch den chinesischen Wanderarbeitern annimmt, die auf der Suche nach Arbeit ihre ländlichen Heimatprovinzen verlassen und zu Fremden im eigenen Land werden. Ein Film, der nachdenklich stimmt, denn sowohl Fotograf als auch Filmemacher haben ein Anliegen und warten auf perfekte Bilder. Und gehen dann wieder in ihre eigene Welt zurück.
[ Susanne Schulz ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...
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