Originaltitel: GUZEN TO SOZO

J 2021, 121 min
FSK 12
Verleih: Film Kino Text

Genre: Episodenfilm, Drama, Liebe

Darsteller: Kotone Furukawa, Katsuki Mori, Fusako Urabe, Aoba Kawai

Regie: Ryusuke Hamaguchi

Kinostart: 01.09.22

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Das Glücksrad

Drei Varianten des Zufalls

Schon in DRIVE MY CAR ließ Regisseur Ryusuke Hamaguchi seine Figuren geradezu traumwandlerisch schicksalsgetrieben aufeinander zutaumeln. Diese leise Unabdingbarkeit ist auch in der Verfilmung der hier vorliegenden drei Kurzgeschichten spürbar, die sich in ihrer Gesamtheit dem Thema Zufall widmen. „Der Zufall“, so Hamaguchi, „öffnet auf unerwartete Weise seine Geschichten.“ Die Zuschauer sollen sich von der Unberechenbarkeit der Welt überraschen lassen.

Zunächst läßt er Meiko, Model von Beruf, herausfinden, daß ihre Stylistin und beste Freundin ausgerechnet ihren Exfreund kennengelernt hat und gerade dabei ist, sich in ihn zu verlieben. In Kapitel zwei soll Nao im Auftrag ihres Liebhabers ihren Französischprofessor verführen, um ihn zu kompromittieren. Moka, die Hauptfigur der letzten Begebenheit, will nach 20 Jahren ihre Jugendliebe auf einem Klassentreffen wiederfinden, die taucht aber nicht auf. Am nächsten Tag sieht sie auf der Rolltreppe eine Frau. Ihre Blicken treffen sich und beide spüren ein Erkennen. Aber was sehen sie ineinander?

Immer sind es also Liebe und sexuelle Anziehung, die Hamaguchi als Triebfeder des Zufalls inszeniert. Dabei nimmt der Regisseur auch herrschende gesellschaftliche Hierarchien in den Blick und löst sie lakonisch auf, denn die drei Frauen, die er in einem kurzen Moment ihres Lebens begleitet, sind Freigeister, die sich nicht anpassen, sondern emotional aus sich herausgehen. Sie fordern damit ihre Umwelt heraus, triggern Konfrontationen und offene Gespräche. Zwei Fremde werden dabei zu Vertrauten auf Zeit, und zwei Exgeliebte erschaffen ihre eigene Katharsis. Die offensive Erotik, die sich zwischen Nao und Professor Segawa einstellt, scheint es in der Situation unbedingt Wert zu sein, jedes konventionelle Leben zu opfern.

Hamaguchi läßt in seinen Szenarien Möglichkeiten durchspielen, Aktionen und Reaktionen, die zu unterschiedlichen Wendungen führen. Seine Figuren können im dritten Teil des Filmes sogar ihre Wunschvorstellungen reenacten. So bekommen sie die Antworten, die sie immer gesucht haben, und die Nähe, die sie vermissen. Der Zufall scheint also doch steuerbar, er ist das, was wir aus ihm machen. Meiko, Nao und Moka begreifen die Umstände, in die sie Hamaguchi hineinwirft, als ein Geschenk, das sie zu ihren tiefsten Empfindungen führt. Sie lassen ihre Phantasie regieren und finden ein Stück zu sich selbst.

[ Susanne Kim ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...