Originaltitel: 23 WALKS

GB 2020, 102 min
Verleih: Weltkino

Genre: Tragikomödie, Romantik

Darsteller: Dave Johns, Alison Steadman, Natalie Simpson, Liam Cointre, Vivienne Soan

Regie: Paul Morrison

Kinostart: 09.06.22

Mit Herz und Hund

... hat Hund und Fuß

Trotz Heimvergangenheit ist Tilly eine echte Lady; wunderschön, elegant und schlagfertig genug, die lächerlich lauten Verbalattacken Henrys passend zu parieren. Letzterer eine – natürlich – verkläffte Fußhupe. Sie eine wollige Schäferhündin. Das in Spaziergänge unterteilte Drama nimmt seinen Lauf.

Henry-Frauchen Fern macht ihrem Köter alle Ehre und Tilly-Herrchen Dave anfänglich zur Schnecke. Wie man weiß, dient solches Rumgepolter wenigstens im Kino indes bloß als Drohgebärde und Beginn baldiger Annäherung, der deutsche Titel räumt – im Gegensatz zum originalen 23 WALKS, dessen Freiräume gewährende Zurückhaltung doch überrascht – zusätzlich eventuelle Restzweifel aus. Sehen wir also zu, wie zwei nicht mehr junge, aus Altersgründen physisch zumindest angeknackste und definitiv vom Leben gezeichnete Menschen die Verbindung wagen. Sie wurde verlassen, ihr jugendbedürftiger Mann ging mit der Sekretärin durch (so klischiert, es muß wohl wirklich passieren). Er verlor seine Frau an eine dieser üblen Krankheiten. Beide haben entfremdete Kinder. Und Heidenangst.

Dave prescht dennoch recht beherzt vor, Fern braucht Zeit, aber Gassirunde 7 erlaubt ihr eine erste Seelenöffnung, Nummer 9 gestattet dann gar gemeinsamen Gesang. Sich vollkommen richtig anfühlendem Wechsel zum „Du“? läßt Fern für Dave unverständliche Kühle folgen, mal brettert das knarzige Pärchen im fünften Gang nach vorn, mal geht’s nur mit Bleifuß auf der Bremse weiter. Fern haßt Heimlichkeiten, Dave hütet ein Geheimnis. Die Enthüllung wird das fragile Vielleicht-Glück auf eine harte Zerreißprobe stellen.

Geschickt taugen lange Gespräche dazu, eben auch dem Zuschauer Informationen zuzuspielen, Charaktere zu formen, deren Tiefe nicht bei omnipräsenten Erinnerungen endet. Obgleich die Allgegenwart gegangener, allerdings nie tatsächlich losgelassener Lieben sowie das Ignorieren persönlicher Bedürfnisse Hürden bauen, an denen Fern und Dave scheitern könnten. Weil jedes verstrichene Jahr die eigenen Mauern (unumkehrbar?) in beengte Höhen wachsen ließ.

Jene Kenntnis seelischer Fallstricke, der unerwartet authentische Anstrich geben einem Duo kongenial starker Darsteller Platz für nachdrücklich schillernden Glanz. Alison Steadman dankt’s während Wiesenbummel 19 mit einem sehnsüchtigen Open-Air-Auftritt. Reiner Zauber.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...