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Sehnsucht

Kleine Leute, große Liebe

Für manche ist der Bossa Nova Schuld. Für andere Robbie Williams. "Feel" ist das letzte, woran sich der Schlosser Markus, ein wortkarger und eher unauffälliger Mann, am nächsten Morgen erinnert. Zuvor, im rustikalen Wirtshaus, während eines Freundschaftstreffens der Freiwilligen Feuerwehr in einem anderen Dorf, tanzt er, nur für sich, so scheint es, und die Kamera ist vielleicht auch bloß zufällig so intim zu ihm - Schnitt, und er erwacht in einer fremden Wohnung, wo ihn die brünette Kellnerin von gestern abend scheu und wirksam anlächelt. Das reicht, um die verhängnisvolle Dreiecksgeschichte auszulösen.

Verhängnisvoll, denn von Schuld ist eigentlich gar keine Rede. Diese schon fast banale Geschichte, die bereits hundertmal passiert ist und hundertmal erzählt wurde, stößt den Protagonisten einfach zu, ganz schlicht und ganz ergreifend. Das präzise eingefangene Milieu dazu: wie gesagt, freiwillige Feuerwehr, irgendwo in Brandenburg, unendlich weit weg von Berlin. Es ist eine tragische Geschichte voll unfaßbaren Glücks. Um eine Ehe, die aus naiver Unwissenheit frisch und zärtlich wie am ersten Tag ist; in der die Frau, mit einem Diadem im Haar, mit ihrem Mann gemeinsam beim Kaffeekränzchen eine rührende Keybord-Performance von "Eisbären müssen nie weinen" zum besten gibt. Und es geht um eine zweite, gezähmt romantische Liebe, die mit der ersten nichts zu tun hat und sie offenbar doch einreißen muß.

Vielleicht ja aufgrund der Wortlosigkeit dieser Leute, die mit ihrem Überschwang an Gefühlen nicht umgehen können, und weil das karge Ambiente einen Handlungsspielraum gar nicht erst eröffnet. Doch letztendlich spielt der soziale Hintergrund, das konkrete Milieu eine kleinere Rolle, als man zunächst denkt. Vielmehr nutzt Valeska Grisebach das Nüchterne und Alltägliche als starkes Kontrastmittel zum Gefühls-inhalt, um zu fragen, ob es sie wahrhaftig gibt, die große, romantische, bedingungslose Liebe. Das gelingt mit Hilfe ganz wundervoller Laiendarsteller, die sich ihren Figuren bedingungslos anvertrauen, und einer unaufdringlichen Kamera, die wo geschwiegen wird, in die Tiefe führt, dorthin, wo die Sehnsucht sitzt. Am überraschenden Ende ist alles nicht nur wahrhaftig, sondern zugleich auch ein schönes, trauriges Märchen.

D 2006, 88 min
Verleih: Piffl

Genre: Drama, Liebe

Darsteller: Andreas Müller, Ilka Welz, Anett Dornbusch

Regie: Valeska Grisebach

Kinostart: 07.09.06

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...