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Soundbreaker

Der ungezogene (Blase-)Balg

Was passiert, wenn man einem Frosch eine brennende Zigarette ins Maul steckt? Er zieht und zieht. Allerdings kann er nicht ausatmen. Der Frosch zieht also, bis er platzt. Als Kind hat Kimmo Pohjonen mit seinen Freunden Spiele dieser Art geliebt. Sie haben auch Starkbier gebraut und verkauft. Heute ist Kimmo froh, ein „normaler Junge gewesen und auf dem Lande aufgewachsen zu sein.“ Denn daß er schon mit elf Akkordeon spielte, galt als nicht so gängig.

20 Jahre hat es gedauert, bis er die Scham abgelegt hat. Eine Art Haßliebe führte ihn wohl zu Bemerkungen wie jener, wonach das Akkordeon für Idioten sei, die beim Spielen nur ihren Eltern eine Freude machen wollen. In Finnland gelte das Wort Akkordeon gar als Synonym für Arschloch. Da sind Umschreibungen wie „Quetschkommode“ oder „Teufelslunge“ vergleichsweise zahm.

Kimmo Pohjonen hat aus sich und seinem „Arbeitsmittel“ mehr gemacht als nur die Not zur Tugend, er ist mit ihm verschmolzen. Er reizt es und reizt es aus, tätschelt es liebevoll, drischt wie ein Wüterich mit dem Vorschlaghammer auf ihm herum, montiert Mikros und elektronische Geräte in die ungezogenen Blasebälge und findet dabei künstlerische Bestätigung und menschliche Genugtuung. An Grenzen zu gehen und sehr gern auch mal ein wenig darüber hinaus, ist ihm Herzenssache. Heute ist Kimmo Pohjonen ohne Zweifel der bekannteste finnische Akkordeonist, einer, der mit Tango oder Folklore nichts am Hut hat, dafür sehr mit dem offenen Visier. „Wie weit“, fragt er, „kann man gehen beim Verleugnen seines Instruments?“ Weit. Sehr weit.

SOUNDBREAKER blendet mit einer eleganten wie kinotauglichen Mischung auf ein außergewöhnliches Schaffen und einen demgemäßen Künstler. Kinotauglich heißt, daß dokumentarische Interviewsituationen nie dominieren, daß es viele locker inszenierte Bilder in Landschaften gibt, die Pohjonen mit Konturen zeichnen. Auch seine Kunst kommt nie zu kurz und nicht seine Arbeits- und Umgangsweise in grandiosen und relevanten Projekten. Was anders als das ist eine Pop-Symphonie für Landwirtschaftsgeräte und -klänge? Oder die experimentelle Arbeit mit dem Kronos Quartet, King Crimson und Kollaborationen mit Tänzern und Ringern?

So wie Kimmo Pohjonen einst froh war, ein normaler Junge zu sein, ist er es heute als Mann, Vater und nicht zuletzt Musiker: „Ich bin normal wie jeder andere Trottel eben auch.“

Originaltitel: SOUNDBREAKER

Finnland/S/D 2012, 86 min
FSK 0
Verleih: W-Film

Genre: Dokumentation, Musik, Biographie

Stab:
Regie: Kimmo Koskela
Musik: Kimmo Pohjonen, Samuli Kosminen, Trey Gunn

Kinostart: 17.04.14

[ Andreas Körner ]