PRÄDIKAT: ÄSTHETISCH WERTVOLL, WIRTSCHAFTLICH RUINOS – LEERE LEIPZIGER KINOS IN DER CORONA-KRISE.

Angst essen Säle auf

Der ausgeladene Verstand, eine zunehmend feindselige Gesellschaft und das Kino in seiner schwersten Schlacht

[ 02.10.2020 ] Ich möchte mich fast verneigen vor Menschen, die der Corona-Krise etwas Gutes abgewinnen können. Ich persönlich, an sich von zuversichtlichem Naturell, sehe derzeit nichts als Niedergang – wirtschaftlich wie kulturell, geistig wie politisch, gesellschaftlich wie zwischenmenschlich. Angst geht um, und Angst ist in schwierigen Zeiten der denkbar schlechteste Berater. Wir haben uns politisch und medial überrumpeln lassen, haben uns wegen eines Virus’, das sicherlich heftiger ist als andere Viren, aber gewiß nicht das Ende der Menschheit bedeutet, in Sippenhaft nehmen lassen, obwohl dieses Virus, ableitbar für jeden, der seinen Kenntnisstand nicht aus hysterischen Ticker-Meldungen à la „Wieder 24 Neuinfektionen in Hessen!“ speist, nur für einen Bruchteil der Gesellschaft überhaupt lebensgefährlich werden kann. Besonders gutmeinende Menschen mögen protestieren, daß es in dieser Krise um jeden Einzelnen geht, ich wehre mich gegen diese bigotte Sentimentalität, denn diejenigen, die sich derartige, im Ergebnis in Richtung Abgrund führende Solidarität leisten wollen, verkennen, daß sich der Kapitalismus in seinem Wesen noch nie um den Einzelnen geschert hat. Warum ausgerechnet jetzt?

Warum nicht alljährlich, wenn während der Influenza-Pandemie weltweit um die 500 Millionen Menschen infiziert werden, wovon bis zu 700.000 daran versterben? Wir wurden schon immer von Krankheiten heimgesucht, die teils verheerender wüteten als Corona, für die aber kein einziges Flugzeug am Boden blieb, für die nicht -zig Millionen Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz gebracht wurden, für die eben nicht so ganz salopp manches für die Demokratie entscheidende Grundrecht kassiert wurde. Wir blenden aus, daß der Tod zum Leben gehört und mit Blick auf den Altersschnitt der Corona-Toten am Ende eines Lebens allemal. Der verkrampfte Ehrgeiz, ausgerechnet diese eine Krankheit unter vielen um jeden Preis auszumerzen, diese starre Sehnsucht nach einer allheilbringenden Impfung, die es vermutlich gar nicht geben wird, wirft Fragen ob der fehlenden Verhältnismäßigkeit auf.

In jeder Notlage ist der Verstand aufgerufen, in Besonnenheit abzuwägen, welche Opfer man zur Bewältigung der Krise aufzubringen bereit ist, welche Kollateralschäden akzeptabel sind. Weltweit haben sich Regierungen zugunsten eines extremen Ungleichgewichts entschieden, kaum etwas wurde zu Ende gedacht, man nahm Folgeschäden in Kauf, die nur eine Richtung kennen: Zerstörung. Von der Politik mitverschuldet wurde über Jahre das Gesundheitssystem kaputtgespart, jetzt wird mit Maßnahmen gegen ein Virus gekämpft, die Volkswirtschaften in den Ruin treiben und für soziale Verelendung und Verrohung sorgen werden.

Der Verstand wurde ausgeladen, der Mut gleich mit, denn keiner der Agierenden brachte die Courage auf einzugestehen, daß man sich, was normal wäre in dieser Situation, aus Unkenntnis doch verschätzt hat, die Wahl der Mittel eben in keinem Verhältnis zur Wirkung steht, und man daher nun zurückrudern werde. Nein, die Angstmaschine läuft wie geschmiert und wird zunehmend befeuert, ohne die sprichwörtliche Rücksicht auf Verluste. All die beschämenden Fragen nach dem „Warum?“ werden zukünftige Generationen gewiß stellen.

Es wurde ja immer wieder betont, daß dies vor allem eine Krise des Gesundheitssystems sei. Gut, aber warum hört man dann aus Politikermündern kaum einen Satz dazu, wie nun auf schnellstem Wege ganz konkret die Situation im Gesundheitssystem und besonders in der Altenpflege verbessert werden könnte? Die Luft reicht nur für Warnungen, Mahnungen und Drohgebärden. Manch’ Provinzfürst macht auf dicke Hose und träumt halb besoffen schon vom Kanzlersessel, kriegt aber nicht einmal kleinere Massentests auf die Reihe. Wann eigentlich kommt das Ergebnis der mit reichlich Brustgetrommel im April (!) durchgeführten Münchner Antikörperstudie? Darf man im Herbst ja mal fragen ...

Wir als Gesellschaft finden derzeit aus einer massiven Lähmung nicht mehr raus. Daß wir bisher stillgehalten, Widersprüche hingenommen und uns allen Anweisungen ergeben haben, daß wir uns schwertun, das Geschehen von anderen Standpunkten als einem zahlenfixierten und eher medial verordneten zu betrachten, ist auch die Folge eines langen Prozesses der Gleichmachung. Über Jahrzehnte haben Politik, Industrie, Werbung und die ganze Popkultur global ihre Geschmacksverstärker gestreut, die zu einer sich immer stärker manifestierenden Anpassung und Konformität geführt haben. Da war es letztlich ein kleiner Schritt, bis wir alle hinter Masken komplett verschwinden. Wer will schon derjenige sein, der sich mit individuellen Schlußfolgerungen in die Nesseln setzt? Der Wellensittich unter Spatzen.

Wir haben uns von einer Unverhältnismäßigkeit in den Maßnahmen derart überfahren lassen, wodurch sich kaum einer nach Sinn und Unsinn zu fragen traut, selbst im familiären und Freundeskreis! Wir nehmen schweigend hin, daß eben noch vor prächtiger Gesundheit strotzende Unternehmen erst an den Tropf der Gesellschaft gehängt und schließlich zu Grabe getragen werden müssen. Wir haben uns die für eine Demokratie unverzichtbare Debattierfähigkeit nehmen lassen, indem kritische Stimmen sofort in die Ecke der Corona-Leugner oder Verschwörungstheoretiker verbannt werden. Allein wie hämisch der Sonderweg Schwedens öffentlich kommentiert wurde, war jenseits von Anstand und Respekt. Wir befinden uns in einer dramatischen Situation, in der nichts evident ist, und trotzdem pochen die verschiedenen Seiten in einer oft hoch aggressiven Art darauf, unbedingt und absolut recht zu haben. Wir meiden einander, denunzieren gar andere. Das passiert wirklich: Leute mailen (hinterher!) Restaurants oder Frisiersalons an, weil nach ihrem Ermessen von Angestellten oder Kunden die Maske nicht ordnungsgemäß getragen wurde. Zu feige, gleich zu fragen, dafür immer schön nahe dran am blanken Denunziantentum!

Allzu viele machen es sich zu bequem, indem man jedes Abwägen leichtfertig in Obrigkeitshände legt, dabei ist doch klar, daß auch Politiker fehlbar sind, deren Entscheidungen gar nicht selten aus Angst und Kenntnislosigkeit getroffen werden. Darüber hinaus: Virologen wissen viel, aber eben nicht alles, von Lebenswirklichkeiten der meisten Menschen gleich gar nicht. Man muß sie einbeziehen, sollte ihnen aber keinesfalls jede Deutungshoheit überlassen, wie Leben in der aktuellen Lage aussehen kann. Medial gegeneinander ausspielen sollte man sie ebensowenig, auch da hat sich ein Teil der Presse lächerlich gemacht.

Wir bemühen uns nicht, Zahlen als das zu verstehen, was sie nur sind: in Corona-Zeiten numerische Belege für eine Pandemie, die einschneidend ist, wohl aber nicht so, daß gleich die ganze Welt lahmgelegt werden muß. Sollte man sich im Zweifel nicht eher für das Leben und gegen Schlimmeres anrichtende Restriktionen und Repressalien entscheiden? Wir verlieren uns in einer auch politisch gewollten und medial befeuerten Panik, die schon jetzt das, was Leben gerade noch ausmachte, als verblassende Erinnerung erscheinen läßt. Aus durchaus angebrachter Achtsamkeit ist pure Furcht entstanden. Welche Maßnahmen werden eigentlich ergriffen, wenn, wie in den etwas saftigeren Endzeit-Filmen, die Menschen reihenweise auf der Straße umfallen, wenn es wirklich ein unerbittliches Killervirus gibt? Womit wir direkt beim Kino wären ...

Daß die Politik oft ein fragwürdiges Verhältnis hat zu „weicheren“ Themenbereichen wie Kultur, ist hinlänglich bekannt, weshalb man sich lange darüber ärgern mußte, daß das Kino alles andere war als systemrelevant. Das Zusperren der Kinos im März lief so chaotisch wie deren Wiedereröffnung. Mütterchen Merkel hatte, nachdem es sein Volk im Dauermahnmodus zum Händewaschen gängelte, die Lust am Einmischen verloren, reichte lästige Entscheidungen wie das Zurückfinden in die Normalität auf Länderebene weiter, was dabei herauskam, ist bekannt. Die Auflagen für einen Kinobetrieb waren (und sind es noch immer) überzogen, sie legen die Vermutung nahe, daß Kinomacher nun unter die Hochsicherheitslaboranten gegangen seien. Selbstkritisch aber muß sich unsere Branche neben der unkoordinierten Wiedereröffnung auch über die vorschnelle Akzeptanz derer Parameter an die Nase fassen. Zu lange käuten Verbände und Kinounternehmer kleinlaut wieder, daß man sich brav an die Vorgabe aller Sicherheitsvorkehrungen halten werde. Da hätte man kritischer agieren müssen, gerade, was die Abstandsregeln anging.

Nun, die Besucherzahlen sehen seit Wochen entsprechend aus, ohne Zuschüsse und Förderhilfen wäre gewiß schon jetzt ein beträchtlicher Teil unserer bunten Kinolandschaft in den Ruin getrieben. Der ist möglichweise nur vertagt, denn Kulturministerin Monika Grütters hegte lange den Traum, daß es nach Corona nur noch Programmkinos in Deutschland geben soll, derart einseitig flossen finanzielle Unterstützungen, flankiert von unsinnigen Regeln, wonach Multiplexe mit vielen Sälen durchs Förderraster fielen. Monis Rechenschieberlogik dabei: Ein Betreiber mit größerem Kinobetrieb hat eben kleinere Probleme. Aha! Dieser ministeriellen Stochastik jenseits jeder Verhältnismäßig- und Gerechtigkeit schlossen sich regionale Förderer an. Teilweise wurden Programmpreisprämien vorzeitig und verdreifacht ausgezahlt, das trieb derart skurrile Blüten, wonach kleinere Kinos plötzlich so viel Geld in der Tasche hatten, wie sie selbst in einem super laufenden Kinojahr nie durch Kartenumsatz generiert hätten, hingegen zahlreiche Multiplexe, die unstrittig auch Teil unserer Kinokultur sind, nicht wußten, bis wohin ihnen das Wasser schon stand. Eine verfehlte Mittelverteilung, die wiederum so manches Filmkunsthaus hinsichtlich Mut, Kundentreue und Kulturauftrag gehörig auf die Bremse treten ließ, und eine Wiedereröffnung so ganz entspannt in den Herbst geschoben wurde. Geld war ja genügend da ...

Man muß wahrlich nicht die hellste Kerze am Baum sein, um zu erkennen, daß das Kino mitten in seiner schlimmsten Schlacht steckt, daß ein Herauskommen aus der Krise nur möglich ist, wenn geschäftshindernde Maßnahmen kassiert werden, wenn es gelingt, beim Zuschauer Ängste abzubauen, und wenn Verleiher ermutigt werden, dann ihre stärksten Filme zu starten. Für unsere Branche ist über das Genannte hinaus überlebensnotwendiger denn je, daß man sich stark auf das konzentriert, was Kino ausmacht, was es einzigartig macht! Ich kann der verzweifelten Notlösung, Filmstarts, Screenings und ganze Festivals jetzt online stattfinden zu lassen, nichts abgewinnen, das Glotzen am Rechner hat auch nicht nur ansatzweise etwas damit zu tun, was den Zauber eines Kinobesuchs bedeutet.

In allen Lebenslagen und Gewerken, beim Kino eben auch, zwischen Freunden und Familienmitgliedern, Kollegen und Nachbarn, Wählern und Gewählten hat Corona zu einer tiefen Vertrauenskrise geführt. Und die ist tatsächlich menschengemacht. Worin eigentlich auch fast schon wieder Lösungspotential schlummert ...

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.