Originaltitel: SHOAH

F 1973-1985, 566 min
Label: Absolut Medien

Genre: Dokumentation, Historie, Schicksal

Regie: Claude Lanzmann

Shoah

Das kann man nicht erzählen. Sagt Simon Srebnik, der mit 13 Jahren ins Vernichtungslager Chelmno verschleppt wurde, seine Eltern dort sterben sah, den seine besondere Singstimme und ein mißglückter Todesschuß vor dem sicheren Ende bewahrten. Claude Lanzmann wollte dennoch, daß davon erzählt wurde. Ein Glück. Ein Grauen. Eine Unverzichtbarkeit. Lanzmann suchte in den Jahren 1973 bis 1985 Zeitzeugen auf: Opfer und Täter. Er führte Gespräche, fuhr an die Orte des Geschehens, verzichtete komplett auf Archivmaterial, was eine sehr kluge Entscheidung war, wird das wahrlich kaum Erzählbare somit nicht zum Stoff aus fernen Archiven, sondern zum nachfühlbaren Lebensschmerz, und liefert Zeugnis unbegreiflicher Unmenschlichkeit.

Lanzmann wählte eine im ersten Moment eigenwillig anmutende Methodik der Gesprächsführung, aus dem Französischen wurde ins Polnische übersetzt, die Antworten zurück ins Französische und dann für den Zuschauer untertitelt. Das impliziert eine gewisse Langsamkeit, die den Eindruck des Erzählten aber noch verstärkt, und es unterstreicht das Ansinnen Lanzmanns: Hier hört einer wirklich zu, hier will einer wirklich wissen, wie es war. Lanzmann befragt zu gleichen Begebenheiten verschiedene Leute, versichert den Zuschauer somit der unzweifelhaften Wahrheit, enttarnt sich im Spinnennetz windende Täter, die den kläglichen Jammerton der Unwissenheit anschlagen. Dieses Intendieren, Nachhaken und bohrende Fragen Lanzmanns – all das führt zu einem akribischen Protokoll über die Systematik der Judenvernichtung, das trotz vermeintlicher Kenntnis des Zuschauers auf Grund der zynischen, menschenverachtenden und mit nichts in der Historie zu vergleichenden Perversion noch immer schockiert und zu Tränen rührt.

Wie überhaupt konnten Simon Srebnik, Mortedechaï Podchlebnik, Filip Müller und Abraham Bomba nach all den kaum in Worte zu fassenden Erlebnissen weiterleben? Wie bekamen sie die Schreie der Sterbenden aus den Ohren, das unzählbare nackte, in die Vernichtungsöfen getriebene Elend aus den Augen und den Verbrennungs- und Verwesungsgestank aus der Nase? Wie den Glauben an irgendwas Gutes wieder in die Herzen und überhaupt die Sinne zusammen? Wie können sie den Deutschen verzeihen oder kollaborierenden Ukrainern? Verdrängung half wohl irgendwie, der Neuanfang in Israel auch, und dann kommt Lanzmann und bricht den Schutzkokon auf, forciert dieses schmerzvolle Erinnern an Chelmno, Treblinka und Ausschwitz-Birkenau. Gemeinsam werden Waldstücke, Felder und Lager aufgesucht, en détail werden Leichenzahlen, Grubentiefen und Vernichtungskapazitäten erörtert. Es wird einem schlecht dabei, anders kann es gar nicht sein. Diese Detailversessenheit Lanzmanns für die Fahrpläne der Sondertransporte der Reichsbahn, für die Beschaffenheit der Gaswagen, die Struktur der Krematorien und die Abläufe in den Lagern verfolgt einen Zweck: wider das Verdrängen!

Und fast ist man versucht zu fordern, gerade heute, wo sich Zweifelnde, Irritierte und vor allem feindselig Gesinnte zu Pegida versammeln, daß SHOAH, dieses dokumentarische Jahrhundertwerk, dieses filmische Mahnmal, gar Schulpflicht würde. Gerade einmal sechs Unterrichtseinheiten für sechs Millionen tote Juden (Sinti und Roma, Homosexuelle, Andersdenkende nicht mitgezählt). Viele Fragen würden beantwortet, auch durch die Gespräche mit dem Historiker Raul Hilberg, der durch messerscharfen Verstand und rhetorisches Vermögen besticht, Empathie und geschichtliche Klarheit würden erreicht. Man muß sich das immer wieder vor Augen führen: Diejenigen, die den Holocaust überlebt haben, die verfolgen Schuldgefühle deswegen. Und Täter wie Franz Grassler, zweiter Nazikommissar im Warschauer Ghetto, Walter Stier, Chefplaner der Reichsbahn, oder Franz Suchomel, der als Wächter in Treblinka und Sobibor sich der Beihilfe am Mord von mindestens 300.000 Menschen schuldig gemacht hat, entblöden sich nicht, auf Ahnungslosigkeit zu machen. Für Letzteren der Genannten gab es in der jungen Bundesrepublik im übrigen sechs Jahre Haft, von denen nur zwei abzusitzen waren. Von der Schande der verfehlten „Wiedergutmachung“ erzählt Lanzmann aber nur am Rande, er konzentriert sich auf das Protokollieren, auf das detailgetreue Rekonstruieren eines perfiden Tötungswahns.

Allein, wie die Nazis ihre Gaswagen auf das Maß einer „natürlichen“ Belastung prüften, auf Straßenlage und Reinigungseffizienz, von welch’ unfaßbarem Sadismus Parolenschilder vor den Gaskammern wie „Wasche Dich!“, „Rein ist fein“ oder „Eine Laus – Dein Tod“ waren – all das offenbart eine monströse Verrohung, die sich schließlich in radikalster Verachtung entlud, nach der die Juden vor der Verbrennung nicht mehr vergast oder erschossen wurden, sondern lebendigen Leibes in die Öfen kamen. Um Zeit zu gewinnen. Um ein Volk auszumerzen.

Lanzmann kam mit seinem Film gerade noch zur rechten Zeit, bevor Zeitzeugen endgültig verstummten, und er hält sich bis auf wenige Ausnahmen, die berechtigerweise seiner Menschlichkeit geschuldet sind, mit einer Wertung zurück: Man muß nur hinschauen und zuhören.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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