D 2001, 176 min
Label: Constantin
Genre: Drama, Krimi
Darsteller: Corinna Harfouch, Uwe Ochsenknecht, Ulrich Noethen, Mavie Hörbiger, Udo Wachtveitl
Regie: Hark Bohm
Zehn Jahre ist das nun schon wieder her, daß mit diesem Zweiteiler Fernsehgeschichte geschrieben wurde. Noch immer taugt der Film als Exempel, daß sich Glotze mit Qualität verbinden läßt – wenn das Buch stimmt, die Ausstattung auch, und wenn man richtige Schauspieler besetzt, denn VERA BRÜHNE ist vor allem, neben dem spannenden Sujet eines nie ganz aufgeklärten und in absurden Facetten aufgerollten Mordfalls aus den 60ern, ein Film für Corinna Harfouch. Sie spielt diese eigentümliche, unter Mordverdacht stehende Brühne in einer Melange aus Mädchenhaftigkeit, Opferrolle und eiskaltem Engel. Das Vamphafte ist neu in Harfouchs Repertoire – was sie mit frivolen Blicken, knappen Sätzen und in tollen Kostümen bravourös umsetzt. Der Gerichtsprozeß bildet das Zentrum des Films, zahlreiche inszenierte, grell ausgeleuchtete Rückblenden werden mit den Befragungen Brühnes kombiniert, ein Prozeß als Lachnummer, weil er richterliche Ohnmacht mit einem Zickenkrieg par excellence verbindet.
Diese von fünf auf knapp drei Stunden gekürzte Fassung versteht sich als Essenz eines wohl einmaligen (TV-)Ereignisses, und allein die Szene, in der Vera Brühne mit ihrer Tochter im Schlepptau den Kommissar um den Finger wickelt, sollte Gegenstand an den Filmhochschulen werden – so schreibt man Szenen, so spielt man sie!
[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.
[ 21.01.11, 15:17:44 – Leseratte ]
In dem Glauben, es würde sich um die Verfilmung des Tatsachenromans ’Der Fall Vera Brühne’ des Autors Peter Anders handeln, der in der Zeit von 1965 bis 1972 im Fall Vera Bühne recherchiert hatte, habe ich mir die Zweiteiler angesehen. Dementsprechend groß war meine Enttäuschung, denn von einer akribischen Durcharbeitung der Gerichtsakten (angeblich 1000 Seiten!) durch Herrn Bohm, die ihm vermutlich auch nicht zur Verfügung gestanden haben, kann wohl keine Rede sein. Angefangen von der Auffindung der Leichen bis zum Urteilsspruch basieren die Ermittlungen der ’Fernseh-Mordkommission’ in den entscheidenden Belangen auf Ungereimtheiten, die mit der Realität nur annähernd übereinstimmen. Mangelnde Kenntnisse über den Fall wurden durch Fiktionen ersetzt. Hinzu kommt, dass sämtliche Namen, ausgenommen die von Vera Brühne und Johann Ferbach, nicht der Realität entsprechen. Ebenso die Figuren als solche. Der ermordete Arzt wurde z.B. als ’Kotzbrocken’ ins Bild gerückt und seine Geliebte als ’biederes’ Heimchen. Tatsache ist, dass der ermordete Arzt bei Weitem nicht so unsympathisch war, wie er im Film hingestellt wird. Seine Geliebte, 15 Jahre jünger als er, war eine attraktive Dame. Der Zweiteiler, der von den schauspielerischen Leistungen Corinna Harfouchs und Uwe Ochsenknecht lebt, ist also lediglich als Spielfilm mit einigem Unterhaltungswert anzusehen und nicht als Dokumentation. Das von Rechtsanwalt Haddenhorst in Auftrag gegebene Gutachten, das beweisen sollte, dass Dr. Praun nicht am Gründonnerstag, den 14. April 1960 ermordet wurde, sondern erst über die Osterfeiertage, hatte die bayerische Justiz nicht dazu bewogen, das Verfahren neu aufzurollen. Zu Recht! Der Freizeitgärtner Schauer hatte von Karfreitag bis Ostermontag auf dem Grundstück des toten Arztes gearbeitet, ohne, Zitat: eine Spur menschlichen Lebens festzustellen. Das Mercedes-Coupé Dr. Prauns stand unverschlossen vor der Haustür. Die Vorhänge waren zugezogen; auch der Hund des Arztes wurde, entgegen der sonstigen Gewohnheit nicht in den Garten gelassen, und sei es nur deshalb, um ihm Gelegenheit zu geben, seine Notdurft zu verrichten. Als am Osterdienstag die Leiche Dr. Prauns entdeckt wurde, war der Leichnam bereits stark verwest, der Leichengeruch unerträglich. Allein der Zustand des Leichnams führt das Gutachten, das angeblich erwiesen hatte, dass der Arzt erst Tage später ermordet worden sei, ad absurdum. Bohm versuchte, das Versagen des Justizsystems in etwa zu zeigen, vermied es aber, Ross und Reiter zu nennen. Dazu muss man wissen, dass der Produzent Bernd Eichinger vom Bayerischen Staat für diesen Film 1,2 Million Fördergeld kassierte hatte! Kein Wunder also, dass die Fehlleistungen der bayerischen Justiz von Bohm nur unzureichend geschildert wurden. Insofern eignet sich dieser Zweiteiler keineswegs für Lehrveranstaltungen zum Strafprozessrecht als Anschauungsmaterial.
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