Originaltitel: 45 YEARS

GB 2015, 95 min
FSK 0
Verleih: Piffl

Genre: Drama, Liebe

Darsteller: Charlotte Rampling, Tom Courtenay

Regie: Andrew Haigh

Kinostart: 10.09.15

4 Bewertungen

45 Years

Szenen einer Ehe

Menschen auf dem Prüfstand bot der Engländer Andrew Haigh vor vier Jahren mit der von der Schwulenszene eifrig umjubelten, bei genauem Blick aber doch sehr klapprigen Nabelschau WEEKEND, die immerhin und von den meisten unerkannt einen so blödsinnig modernen Zynismus unter ach so hippen Menschen entlarvte. Und nun das! Legt dieser Haigh mit 45 YEARS doch einen wirklich beachtlichen, höchst intensiven Film vor. Er erzählt die Geschichte von Kate und Geoff, die Feierlichkeiten zum 45. Hochzeitstag stehen an. Dann erhält Geoff einen Brief, der Vergangenes zurückbringt, der Verschorftes aufbrechen läßt. Die Leiche von Katya wurde im Eis gefunden – mehr als 50 Jahre nach dem Unfall. Katya war Geoffs Freundin in der Zeit vor Kate. Und während Kate doch behende in den bis dato ungestörten Alltag zurücksteuern möchte, nehmen der Brief, das Erinnern und die „Anwesenheit“ Katyas Geoff doch mehr in Beschlag, als seiner Ehe gut tut.

Haigh erzählt ruhig von Routine und deren Störung, er schaut mit warmem Blick in die vom (Zusammen-)Leben geprägten Gesichter seiner Figuren, die, entgegen einer von der Allgemeinheit beanspruchten Meinung, ein kinderloses und dennoch glückliches Leben führen. Eines, das nach so viel Zeit miteinander Spuren hinterläßt, klar, in dem aber noch immer Eifersucht und Verlustängste, Befremdung, Erstaunen und immer wieder die große Liebe zu spüren sind. Ja, dies ist die Geschichte über eine große, nun schwer geprüfte Liebe. Warum sonst wohl würde man mit Akribie einen Hochzeitstag vorbereiten, würden Platten rausgewühlt, Titellisten abgeglichen und Gäste aufgeführt und gestrichen? Warum sonst würde man einen Geist aus der Vergangenheit mehr fürchten als die unausweichlichen Dämonen von Gegenwart und Zukunft?

Haigh schaut in ein einvernehmliches Leben, das verteidigt sein will. Die Intensivität des Dramas entsteht in der Ungleichheit der Handlungsmöglichkeiten: Geoff kann sinnieren, durchspielen, was wäre, wenn. Er darf nach so langer Zeit trauern, hingegen Kate sich in den ihr aufgezwungenen Schranken sieht. Zu diesem Teil von Geoffs Geschichte gehört sie nicht, und daß Katya schwanger zum Zeitpunkt des Unfalls war, isoliert sie umso stärker. Die Tiefe der Kränkung durch Geoffs neu erwachendes Interesse an der Vergangenheit zeigt letztendlich, wie profund der Bund zwischen den beiden ist. Nur wer richtig liebt, ist derart angreifbar.

Um einen immer auch zärtlichen Blick auf ein geprüftes Paar zu werfen, das sich nach so langer Zeit zu bewähren hat, dafür braucht es die richtigen Schauspieler. Tom Courtenay ist ohnehin viel zu selten im Kino zu sehen, und einmal mehr ist es schlicht umwerfend, wie es der großen Charlotte Rampling gelingt, von einem Moment voller Wärme zu einer Steineskälte oder mindestens in eine extreme Verletztheit zu schalten.

Und daher: Wenn Geoff auf der dann stattfindenden Feierlichkeit seine Rede so klar und voller Liebe halten wird, wenn Kate sich beim gemeinsamen Tanz dennoch von ihrer Wut und Enttäuschung nicht ganz frei machen kann, dann kann es gar nicht ausbleiben, daß der Rauch auch in unsere Augen zieht.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Lesezeichen:

2 Meinungen zur Rezension oder zum Film

[ 13.09.15, 11:42:15 – Michael Eckhardt ]
hallo fremder seher,

was schauspiel und das feine englisch angeht, bin ich ganz bei dir, was die "langweiligsten kinominuten" betrifft, keinesfalls :)
wo ich aber sicher zustimme ist, daß diese art von filmen für sneaks in der tat ungeeignet ist.

es grüßt herzlich
micha vom PLAYER

[ 10.09.15, 19:28:54 – DerFremdeSeher ]
Habe den Film in einer OV-Sneak gesehen und die zwei großen Pluspunkte sind die sehr guten Darsteller und das klare Oxfordenglish in der Aussprache. Ansonsten waren dies aber mit die langweiligsten Kinominuten, welche ich in meiner nun knapp 30jährigen Kinozeit erleben durfte.

Ich schiebe das noch nicht einmal auf den Film selber, sondern einfach darauf, das ein Großteil des anwesenden Publikums, inkl. mir, einfach das falsche Zielpublikum für diesen Film waren/sind. Ein Mitseherh hat es danach treffend formuliert: "Wenn ich einem älteren Ehepaar beim Reden zusehen will, dann brauch ich nur meine Eltern anzusehen und nicht ins Kino gehen."




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