D 2017, 87 min
Verleih: Eigenverleih

Genre: Dokumentation

Regie: Jonas Gernstl

Kinostart: 23.11.17

665 Freunde

Wer nichts wird, wird Filmemacher?

Um den 30. Geburtstag rum packen Jonas nagende Zweifel: Er unterbricht die persönliche Lieblingsbeschäftigung „Durch die Nacht tingeln“, stellt sich Fragen nach dem Sinn des Lebens, (nicht) erreichten Zielen, dem eigenen Weg. Und als er echt bedröppelt in die Kamera schaut, reift der Plan, zwecks Hinweis-Erhaschung ein paar der 665 Facebook-Freunde zu besuchen, weil’s bei denen ja offenbar viel besser läuft, wie er liest. Ergo natürlich die Buddel eingepackt und Annie getroffen, die – von der bekennend schnellen Sorte – ebenfalls bereits mit 30 in eine versoffene „Depri-Phase“ stürzte, jetzt aber einen coolen Laden führt. Meredi hingegen schrieb einst einen Brief an Gott, fiel wegen fehlender Antwort vom Glauben ab. Andernorts kommt dem Haustier rührende Anerkennung zu: „Und ich hab’ auch ’ne super Beziehung, hey, wir ham’ ’n Hund ...“

Kommunikation, die so entsteht, wenn sich jemand kaum kennt oder ewig nicht mehr sah. Dazu grinst Jonas verkrampft, während er beispielsweise über das individuelle Luststeigerungspotential von 500-Euro-Jogginghosen („bestimmt sehr bequem“) sinniert und alles Gesagte regelrecht aufsaugt. Einerseits narzißtisch genug, jederzeit im Zentrum seiner Doku zu stehen, andererseits ein unsicherer, dünnhäutiger Typ, dessen oft austauschbare Gesprächspartner ihn aufgrund steter Betonung der tollen/perfekten/makellosen Existenz weiter in Abgründe schubsen, den stabileren Zuschauer indes bloß ermüden. Zumal glatte Kantenlosigkeit noch nie zu gesteigertem Interesse an irgendeinem Menschen führte, und die unglaublich penetrante Beteuerung des gefundenen Glücks bezüglich ihrer Ehrlichkeit eh gewisse Fragezeichen aufpoppen läßt.

Kein Denkansatz für Jonas, er lächelt tapfer, stellt die „blonde Busenprinzessin von Kroatien“ vor sowie Blutwurst her und reißt Leute, die eventuell wirklich einiges zu sagen hätten, allerdings schlecht dem Schema des megaerfolgreichen Vorbilds entsprechen, lediglich in Finalnähe ganz kurz an. Unangenehm arrogant klingende, wertende Vorstellungen teils inklusive: „Und die Chris? Na ja … Die findet Erfüllung in der Kunst.“

Welche Möglichkeiten der Idee generell innewohnen, zeigt zwar ein Besuch Katharinas, in der hiesigen Form mag man jedoch getrost auf die überflüssige Nabelschau von Jonas & Co. verzichten. Und angesichts des auffälligen Alkoholkonsums einen kleinen Tip zur Selbstfindung geben: vielleicht ein Gläschen weniger picheln?

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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