Originaltitel: A LONG WAY DOWN

GB/D 2013, 96 min
FSK 6
Verleih: DCM

Genre: Literaturverfilmung, Tragikomödie

Darsteller: Pierce Brosnan, Toni Collette, Imogen Poots, Aaron Paul, Sam Neill

Regie: Pascal Chaumeil

Kinostart: 03.04.14

6 Bewertungen

A Long Way Down

Ins Herz einer Ersatzfamilie

Eigentlich eine arme Sau – dieser Martin Sharp. Beruflicher Erfolg, Familie, Geld – alles futsch. Her Name Was Suzie ... Es muß diese unheilbare Krankheit gewesen sein, die Männer um die 50 befällt, wenn sie sich mit Mädels einlassen, sich einreden, die Küken würden volljährig aussehen und doch gerade deswegen den Kick haben, weil sie das ganz gewiß nicht sind. Diese depperte Geilheit brachte den schmissigen TV-Moderator zuerst vor den Kadi, dann in den Knast und nun auf das Dach dieses grauen Hochhauses. Martin will dem Scheiß ein Ende bereiten, Silvester scheint ein idealer Tag. Doch selbst ein Freitod gehört gestaltet, also veredelt er sich diesen Moment auf zittrigen Beinen in 60 Metern Höhe mit einer guten Zigarre. Nur ein paar Züge, dann will er springen. Da all dies zu kurz für einen abendfüllenden Film wäre, das Leben seinen dürren Reiz noch immer aus dem Unerwartbaren zieht, erklingt kurz vor dem geplanten Sprung eine Stimme: „Brauchen Sie noch lange?“

Welch’ ein Auftakt! Dem Traurigen das Komische ans Revers heften! Maureen hat also die gleichen Pläne wie Martin. Geteiltes Leid ist nicht nur halbes Leid, es zieht dem geplanten Suizid die ganze Matte unter den Füßen weg. Und da zwei noch keine Gang sind, und von einer solchen soll in diesem hochgradig unterhaltsamen Film erzählt werden, gesellen sich noch weitere Lebensmüde aufs Dach: das Teenie-Girl Jess und der Musiker JJ. Und da eine Gang ohne Plan nur einen müden Haufen abgibt, schmieden die Vier einen Pakt – kein Selbstmord vorm Valentinstag! Sechs Wochen bleiben, um letzte Zweifel auszuräumen.

Natürlich kann man sich manche Wendung dessen, was nun folgt, errechnen, doch darum geht es nicht. Wir lernen vier am Leben Zweifelnde kennen, deren Gründe so lebensecht wie eben nur möglich sind: Jess, das wildgeschminkte, spatzenähnliche Geschöpf, leidet an der zerbrochenen Liebe zu einem nachweislichen Dreckskerl, Maureen laboriert an einer übergroßen Hilflosigkeit, und JJ schließlich hat wohl was im Kopf. Tumor oder so. So etwas schweißt zusammen, behauptet Nick Hornby, der Autor der Romanvorlage, und recht tat er: Mit einer derart ruppigen Zärtlichkeit knüpft er hier Bande von grundverschiedenen Menschen, daß man gar nicht anders kann, als jeden von ihnen ins Herz zu schließen.

So ist es eine wunderbare Idee, die Vier nach Teneriffa zu schicken, eine Reise, die nur schiefgehen kann, die zahlreiche Lacher bereithält und einmal mehr untermauert – (Ersatz-)Familie ist, wenn es kracht. Seinen Reiz zieht dieser tragikomisch wunderbar ausbalancierte Film auch daraus, daß er die einzelnen Schicksale nicht aus diesen sattgesehenen ewigen Rückblenden erzählt, die Not und das vielleicht neu zu entdeckende Glück sind im Jetzt verankert, aus dem heraus erzählt man so etwas. Das Zusammenrücken der Vier taugt zur großen Abrechnung aller Gedemütigten, Entliebten und Vereinsamten, denn – und hier ist man der Truppe ganz nah – zusammen ist man tatsächlich weniger allein. Und einsam. Und verzweifelt.

Wie nebenher gelingt es A LONG WAY DOWN, auch davon zu erzählen, daß man im Angesicht größter Not durchaus auch Chancen hat, über sich hinauszuwachsen, wenn man die richtigen Leute an seiner Seite weiß. Und das ist für alle vier momentan eine ganz neue Erfahrung, denn wem kann man wirklich trauen? Der zwinkernden Brünetten an der kanarischen Bar da drüben schon mal nicht, denn die Wahrheit ist auch die, daß Leute für Geld so ziemlich alles machen.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Lesezeichen:

2 Meinungen zur Rezension oder zum Film

[ 06.04.14, 22:39:36 – michael eckhardt ]
hmm ... schade! ich mag ihn total, die vielen berlinale-besucher kürten ALWD gar zum publikumsliebling. aber so ist das manchmal :)
bleib uns und dem kino in seiner vielfalt und dessen vielfältiger rezeption gewogen,
micha vom PLAYER

[ 06.04.14, 00:39:42 – klapperstrauss ]
lange keinen so schlechten Film sehen müssen




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