Originaltitel: ALICIA IN EL PUEBLO DE MARAVILLAS

Kuba 1991, 93 min
Verleih: Kinemathek

Genre: Komödie, Polit

Darsteller: Thais Valdés, Reinaldo Miravalles, Alina Rodrígues

Regie: Daniel Díaz Torres

Kinostart: 12.10.00

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Alicia am Ort der Wunder

Systemkritische Groteske

Alicia, eine junge Theaterinspektorin, wird nach Maravillas geschickt, ein Ort in der tiefsten kubanischen Provinz. Sie trifft dort auf Genossen, die sich längst daran gewöhnt haben, die absonderlichsten Eingriffe in ihr Leben als naturgegeben hinzunehmen. In einer Art Sanatorium werden Patienten mit "auffälligem Sozialverhalten" kuriert, um nicht zu sagen entsorgt. Beispiel: In einem Lokal möchte sich die Heldin ihrem Menü widmen - doch das Besteck ist an den Tisch angekettet. Die Szene ist nicht nur eine Metapher: Der Regisseur verdankt sie einem Erlebnis als Wochenschau-Mitarbeiter aus einer Zeit, als er Skurrilitäten des kubanischen Alltags sammelte. In einem Café hatte der Wirt alle Griffe seiner Tassen abgeschlagen, als Vorsichtsmaßnahme gegen vermehrt auftretende Diebstähle....

Alicia stolpert durch diese phantastische und zugleich erschreckend realitätsnahe Welt wie durch einen Alptraum, einsam und mit immer größer werdenden Augen. Sie führt ratlos Tagebuch, versucht zu helfen. Mit ihr gemeinsam erlebt der Zuschauer, was Herdentrieb, Ich-Verlust, Gleichmut und Gleichschaltung auf unfreiwillige oder - schlimmer noch - freiwillige Art per Unterordnung für "die Sache" exemplarisch anrichten können. In raffinierter Anlehnung an den berühmten Roman von Lewis Carroll und in sehr kubanischer Filmsprache treibt Daniel Díaz Torres den alltäglichen Horror ins Absurde.

ALICIA ist ein Sonderfall in der über 40jährigen Produktionsgeschichte der ICAIC, des nationalen Filminstituts von Havanna. Mit dem Tauwetter-Klima auf der Castro-Insel Anfang der 90er wurde der Film möglich. Es gab 1991 vier Premieren-Abende in Kuba, zu denen Tausende in die Kinos strömten. Die Wiedererkennung war enorm, die märchenhafte Verpackung hilfreich für seine Breitenwirksamkeit und die Schläfrigkeit der Zensoren. Dann mußte urplötzlich der ICAIC-Chef abtreten, und bis heute darf der Streifen nur im Ausland laufen. Zu kraftvoll war die Anknüpfung an die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks der 60er. Castro und seine Kulturpolitiker-Riege bevorzugen eben im Zweifelsfall immer noch eine "verantwortungsbewußte Selbstbeschränkung".

[ Anne Riordan ]

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