Originaltitel: ALL IS LOST

USA 2013, 106 min
FSK 6
Verleih: Universum

Genre: Drama

Darsteller: Robert Redford

Regie: J.C. Chandor

Kinostart: 09.01.14

14 Bewertungen

All Is Lost

Großes darstellerisches Solo und hypnotisches Protokoll eines Überlebenskampfes

Darüber könnte man fluchen, verzweifeln, in einen bösen Lachkrampf verfallen. Man stelle sich vor: Die Weite des Indischen Ozeans, nichts als Wasser und Himmel, man kreuzt in dieser prächtigen Leere allein mit einer Segelyacht. Und erwacht eines Morgens in seiner Kajüte von einer heftigen Erschütterung und dem Geräusch splitternden Holzes. Was unmöglich, geradezu abwegig erscheint, ist eingetreten: In diesem schier unendlich weiten Raum ist man mit einem Container kollidiert, der von irgendeinem verdammten Frachter über Bord gegangen ist, im Meer treibt mit seinen scharfen Kanten und seinem Gewicht und von einer unglückseligen Strömung just in den Rumpf der Yacht gerammt wird.

Schicksal? Zufall? Für philosophische Erörterungen bleibt keine Zeit. Für Fluchen und Lachkrämpfe auch nicht. Und deshalb erspart einem das J.C. Chandor auch in seinem neuen Film ALL IS LOST, der nicht zuletzt deshalb ein Meisterstück des reduzierten Erzählens ist. Das hypnotische Protokoll eines Überlebenskampfes, der seinerseits als eine stille, konzentrierte Abfolge von Handgriffen aufscheint. Denn ein erfahrener Skipper ist dieser schweigsame Alleinsegler, der auch dann die Nerven behält, wenn er sieht, wie Navigations- und Funkgerät durch eindringendes Wasser zerstört werden. Der klug und geschickt sein Boot von dem in ihm verzahnten Container befreit, der das Leck zu stopfen vermag und das angeschlagene Gefährt wieder unter Kontrolle bringt. Doch dann lassen die Prüfungen des Schicksals oder die fatalen Verkettungen des Zufalls einen Sturm aufziehen.

2011 zeigte J.C. Chandor mit seinem Debütfilm DER GROSSE CRASH ein Ensemble-Kammerspiel der geschliffenen Dialoge und des psychologischen Sezierens. Eine Geschichte über den Börsen-Crash, wenn man so will: eine Untergangsgeschichte. Eine darüber, wie sich bestimmte Menschen verhalten, wenn alles verloren ist. Etwas also, das jetzt auch ALL IS LOST verhandelt. Nur daß Chandor hier einen diametralen Aspekt fokussiert: Nur ein Darsteller, so gut wie keine Worte, kaum Psychologie, kein analytisches Erkunden. Stattdessen die fast dokumentarische Beobachtung eines Überlebenskampfes. Den wiederum Robert Redford in ein darstellerisches Solo kleidet, das einem den Atem verschlägt. Der Kerl kann es einfach.

Entschlackt von jeglicher überdramatisierenden Expressivität, kündet jede Regung und Geste von der auch seelischen Stärke und Größe, die der Mensch haben kann im Angesicht des Unausweichlichen. Gegen das Redford hier eher stoisch arbeitet als verzweifelt kämpft. Stück für Stück bricht diesem Mann die Hoffnung auf Rettung weg. Und wer mal wieder erleben will, wie unprätentiös Intensität aussehen kann, sollte sich das hier nicht entgehen lassen. Die Blicke in Redfords Gesicht wird man so schnell nicht vergessen.

Chandor setzt das in Bilder, die großartige Meerespanoramen zeigen, auch Unterwasserblicke, die einem ein Schwindelgefühl von dieser Tiefe und somit auch von dem dunklen Nichts vermitteln, über das die menschliche Existenz generell dahintreibt. Aber weder gleitet derlei in platte Symbolik noch in überzogenes Pathos, auch wenn Pathos final aufflammt. Schön, wie jene Leuchtraketen, die Redford dann in den nachtschwarzen Himmel schießt, wo sie erlöschen – gleich Hoffnung und Zuversicht.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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