Originaltitel: ALL OR NOTHING

GB/F 2002, 128 min
Verleih: Tobis

Genre: Drama

Darsteller: Timothy Spall, Lesley Manville, Ruth Sheen, Alison Garland, James Corden, Helen Coker

Stab:
Regie: Mike Leigh
Drehbuch: Mike Leigh

Kinostart: 16.01.03

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All Or Nothing

Die working class wird wachgeküßt

An welchen Großstadträndern man auch immer kratzt: es kommt ein Plattenbau zum Vorschein. Die Bewohner dieser künstlich angelegten Soziotope scheinen ebenso dünnhäutig wie die Wände um sie herum. Und obwohl Typen wie Phil, Penny, ihre Nachbarn und Kollegen gewiefte Strategien entwickeln, um die Wirklichkeit hin und wieder zu vergessen, arbeitet sich Mike Leigh, selbst britisches Vorortkind, seit den 70er Jahren daran ab, sie noch zugespitzter, noch schonungsloser zu zeigen.

"Arbeit oder nicht?" - zynischerweise war dies immer die Frage, an der sich die als arbeitende Klasse apostrophierten Menschen maßen. Unter diesen Dächern fragt man weiter: "Wenn man immer weiß, was passiert, wozu soll man dann jeden Morgen aufstehen?" Penny malocht an der Supermarkt-Kasse, Phil fährt mißmutig Taxi, die Tochter putzt schweigend im Altersheim, und Sohn Rory hat sich und seinen massigen Körper aufs elterliche Sofa zurückgezogen. Arbeit hat er nicht und will er nicht. Ein paar Türen weiter läßt sich Donna von ihrem Freund erst schwängern und dann verprügeln, ihre Mutter Maureen verdient sich durchs Bügeln ein bißchen Geld nebenher, Carol säuft.

Aus ihrem Schreien, Nörgeln und Schweigen filtert Leigh die bedrückende Stimmung einer alles bedeckenden Tristesse prolétarienne, einen bleiernen Dornröschenschlaf, den nur ein Kollaps beenden kann. Der konsequente Tagschläfer Rory bricht auf dem Hof zusammen. Seine Schutzschicht aus Fett und Aggression hat sich gegen ihn gewandt. Doch hier kollabiert auch Leighs Bestandsaufnahme einer miesen Normalität. Wo ein bißchen Wut, ein paar Faustschläge auf die Wohnzimmertische so unendlich gut getan hätten, wo die rauhe Würde der vom Leben Beschissenen nie gefährdet war, wo allen Figuren Gefühl ganz ohne Gefühligkeit entgegenschlug, läßt der unbestechliche Chronist sich von Tränen korrumpieren.

In einem mehr geschluchzten als gesprochenen Dialog beschwören Phil und Penny ihre Liebe. Den Glauben an dieses märchenhafte Heilmittel läßt sich offenbar auch der kritischste Geist nicht austreiben.

[ Sylvia Görke ]

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