Originaltitel: ALPEIS

Griechenland 2011, 93 min
FSK 12
Verleih: REM

Genre: Drama

Darsteller: Aggeliki Papoulia, Aris Servetalis, Johnny Vekris, Ariane Labed

Regie: Yorgos Lanthimos

Kinostart: 14.06.12

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Alpen

Trauerarbeit auf die absurde Art

Gleich zwei aktuelle griechische Filme sehen zu können, kommt selbst für ein aufgeschlossenes Programmkino-Publikum einer Überraschung gleich. Die Tatsache, daß sie eben nicht von Altmeistern wie dem im Januar dieses Jahres verstorbenen Theo Angelopoulos stammen, sondern von vergleichsweise jungen Regisseuren, verstärkt die Neugier noch. In einem ökonomisch schwer verworfenen Land, das praktisch keine nach herkömmlichen Regeln funktionierende Filmwirtschaft und -nachwuchsförderung besitzt, grenzt die frappierend selbstbewußte und stilistisch muntere Erzählweise beider Streifen an ein kleines Wunder. Denn eines sind weder Athina Rachel Tsangaris ATTENBERG noch Yorgos Lanthimos’ ALPEN: beliebig. Und gleich gar nicht auf schnelle Seher aus.

Eine Krankenschwester, ein Rettungssanitäter, der Trainer und seine Sportlerin hätten mit sich und ihrem Tagwerk eigentlich genug zu tun, doch in einem sehr bizarren Nebenjob sind die vier „Die Alpen“, nennen sich Mont Blanc, Matterhorn oder Monte Rosa. Es ist keine Eliteeinheit, keine Verschwörungstruppe und auch kein geheimes Netzwerk gegen politische Zustände. Sie spielen nach strengen Regeln Rollen: Hinterbliebenen kürzlich verstorbener Menschen offerieren sie ihr Angebot, die Toten ein Stück weit fortleben zu lassen. Ausgestattet mit den nötigen Informationen über Kleidung, Angewohnheiten, Marotten und liebsten Eigenschaften, agieren sie im gewohnten familiären Umfeld. Für Stunden. Sie „werden“ Enkelinnen, Töchter, Freunde, Ehemann und Ehefrau. Gegen Bezahlung freilich – nur die ersten vier „Besuche“ sind gratis. Zum Reinschnuppern.

ALPEN entwirft mit einem erschütternd kalten Ton und einer ebensolchen Struktur ein Szenario, das sich in den besten Momenten aus der abgrundtief schwarzen Komödie (bei der es nichts zu lachen gibt, es sei denn, man nimmt die grotesken Inszenierungen des Quartetts sehr locker) hin zur verklausulierten Sozialstudie einer völlig kaputten Gesellschaft erhebt. Einem Gemeinwesen, das sich von Nähe und Wärme losgesagt hat und selbst der verdrängten Trauer noch mit einem „Einkauf“ wirksam zu begegnen glaubt. ALPEN ist Kino, bei dem man sich die Augen reiben und die Zähne ausbeißen kann.

[ Andreas Körner ]

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