D 2017, 97 min
FSK 6
Verleih: Farbfilm

Genre: Dokumentation, Schicksal

Regie: Jakob Preuss

Kinostart: 31.08.17

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Als Paul über das Meer kam

Tagebuch einer Begegnung

Der deutsche Dokumentarfilmer Jakob Preuss versteht sich als politischer Mensch. Er hat Filme in Bosnien, der Ukraine und im Iran gedreht und den Anspruch, privat und professionell klare politische Positionen zu beziehen. In seinem neuen Film fällt ihm das schwer, denn plötzlich geht es nicht mehr nur um den Menschen vor seiner Kamera, sondern um ihn, den Beobachter.

Preuss begleitet den Kameruner Paul Nkamani, den er zufällig in einem Wald vor der spanischen Enklave Melilla trifft, mit der Kamera bis nach Deutschland. Der Film zeigt, wie lang und lebensgefährlich dieser Weg ist, und zunehmend auch, wie ambivalent Preuss’ eigene Position in diesem Prozeß ist. Kann er reiner Beobachter sein, wenn er instinktiv eingreifen will? Was passiert, wenn er Paul tatsächlich hilft, die Grenzen zu überwinden? Was unterscheidet den Regisseur von einem Schleuser? Wie weit kann, wie weit muß, wie weit darf seine Hilfe gehen?

Es ist ein großes Glück für diesen Film, daß Regisseur Preuss diese Fragen offen thematisiert und sich damit ein Stück weit angreifbar macht. Noch wichtiger ist es aber, daß der Protagonist Paul sich zu keinem Zeitpunkt zum Objekt der Erzählung machen läßt und unglaublich souverän und reflektiert agiert. So ist Paul der Einzige, der sich an einer Antwort auf die Frage nach dem generellen Umgang der EU mit der Migration versucht. Es können einfach nicht alle nach Europa kommen, aber die, die schon da sind, sollten bleiben dürfen, sagt er. Und auch wenn diese Antwort Preuss zornig macht, weil sie ihn an die AfD erinnert, bleibt Paul dabei. Ohne Zweifel ist seine Perspektive auf das Thema naturgemäß viel pragmatischer als die von Preuss, der spätestens dann an seine Grenzen kommt, als er merkt, daß der schwerste Teil von Pauls Reise erst hier vor Ort beginnt. Der Registrierung als Asylbewerber folgt eine lange Phase des Wartens, die Paul zermürbt. Der optimistische, lebensfrohe junge Mann wird zunehmend stiller.

In diesem Moment besinnt sich Preuss auf seine ganz eigene Art von Pragmatismus – und bringt Paul kurzerhand bei seinen Eltern unter. Mit dieser Wendung endet der Film schließlich. Ausgeklammert bleibt damit also die Frage, ob und wie die Integration im elterlichen Haushalt – und im bundesdeutschen Alltag – gelingt. Es ist nur zu ahnen, daß sich auch hier wohl genug spannendes Material für ein Sequel finden ließe. Ob es dazu kommen wird, ist ungewiß. Bis heute wartet Paul auf eine Entscheidung über sein Asylgesuch. Willkommenskultur sieht anders aus.

[ Luc-Carolin Ziemann ] Carolin hat ein großes Faible für Dokumentarfilme, liebt aber auch gut gespielte, untergründige Independents und ins Surreale tendierende Geschichten, Kurzfilme und intensive Kammerspiele. Schwer haben es historische Kostümschinken, Actionfilme, Thriller und Liebeskomödien ... aber einen Versuch ist ihr (fast) jeder Film wert.

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