Originaltitel: ANTICHRIST

DK/D/F/Schweden/I/Polen 2009, 104 min
FSK 18
Verleih: MFA

Genre: Drama, Thriller

Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe

Stab:
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier

Kinostart: 17.09.09

9 Bewertungen

Antichrist

Blutige Schrauben, verhexte Mütter, verflixte Schlüssel – im Werkzeugkeller des Kinoteufels

Wie geht es eigentlich Lars von Trier? Selten hat ein Film so vehement die Frage nach dem Befinden des Regisseurs provoziert, und noch seltener ist sie so gern und scheinbar freimütig beantwortet worden. Von einer tiefen Schaffenskrise ist da die Rede, von schweren Depressionen, schließlich einer Film gewordenen Selbstheilung mit nur halber intellektueller Kraft, für die kaum eine Entschuldigung vorzubringen sei. Wer von Triers dramaturgisch und visuell durchtriebene Arbeiten kennt, wird dieses Geständnis mit Argwohn zur Kenntnis nehmen. Denn wo sonst wäre man je mit solch boshafter Penetranz darüber belehrt worden, daß die Wahrheit im Kino nur eine Spielfigur ist und der liebe Gott ein filmverrückter Däne mit erfundenem Adelstitel.

Dem Virenkundler von EPIDEMIC, Choreographen von DANCER IN THE DARK und Herrscher über DOGVILLE beliebt es nun, in Schwarzweiß zu beginnen. Eine namenlose Sie und ein namenloser Er, verschlungen im Liebesakt, von der Zeitlupe zu quälender Langsamkeit gezwungen, in der Großaufnahme zu schamloser Offenheit verdammt, während ihr Kind sich durchs Fenster in die Tiefe stürzt. So kommt mit dem Sex das Verderben in die Welt und Farbe in die Bilder. So nimmt das Märchen von der Ur-Schuld seinen Lauf – in Prolog, Epilog und vier Kapiteln. Er, der Therapeut, und sie, die junge Wissenschaftlerin, sind sich von nun an ausgeliefert. Er führt sie nach Eden, ein kleines Ferienhaus in den Wäldern, um ihr die Ängste auszutreiben. Sie führt ihn in die Dunkelheit ihrer besessenen Seele, um sein Vertrauen in alles, was bislang sicher schien, für immer zu erschüttern. Und sie hat einen Bohrer, einen Stein und eine gewaltige Schraube, um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen …

Von Trier gefällt es, eine Geschichte von teuflischem Fatalismus zu erzählen, die sich – nahezu biblisch – ausschließlich selbst begründet. Als Ehedrama verliert sie den Halt, lernt im finsteren Wald das Gruseln, wühlt sich durch die Betten, wird als Spiritismusreißer von Visionen geplagt und steigt zuletzt, seltsam erlöst, auf einen Hügel, um ein wenig frische Luft zu atmen. Es gefällt dem Meister weiter, dem Genre-Kino die Hand zu reichen, um sich hinterrücks all seine Taschenspielertricks einzuverleiben, das Blut spritzen, den Irrsinn blühen und die Tonanlage dröhnen zu lassen. Aber ist von Trier auch ein Meisterwerk gelungen?

Man wird kaum dazu kommen, sich das zu fragen. Zu verzweifelt sucht man in den Bildern jenen Schraubenschlüssel, der das strapaziöse Martyrium der Hauptfiguren beenden möge, ja tastet nach einem ganzen Schlüsselbund, um alle Türen zu dieser um Schuld und Sühne, Paranoia und Perversion kreisenden Gedankenwelt aufstoßen zu können – immer gehetzt von der Drastik im Vordergrund. Denn wer auf von Triers satanischen Fersen bleiben will, braucht diesmal nicht nur eine gefestigte Liebe zu cineastischen Sonderwegen, sondern auch einen stabilen Magen. Vielleicht sollte man den überhaupt zu Hause lassen. Oder doch den Kopf? Aber bloß die Augen nicht vergessen! Für die sind diese betörenden Trug- und Sinnbilder schließlich gemacht. Steh also auf, wenn Du ein Trierianer bist, und halte einfach die andere Wange hin!

[ Sylvia Görke ]

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