Originaltitel: À PEINE J’OUVRE LES YEUX

Tunesien/F 2015, 102 min
FSK 12
Verleih: Kairos

Genre: Drama, Polit

Darsteller: Baya Medhaffer, Ghalia Benali, Montassar Ayari, Aymen Omrani

Regie: Leyla Bouzid

Kinostart: 10.11.16

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As I Open My Eyes

Lieder der Freiheit

Die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid siedelt ihr bewegendes Langspielfilmdebüt in der Ära von Zine el-Abidine Ben Ali an, kurz vor dem Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings. Sie wolle damit die „bleierne Stille“ und die „Angst und Paranoia“ festhalten, die Tunesien 23 lange Jahre lähmten. Versteht ihren Film sogar als „eine Art Schutzschild gegen ein mögliches Wiederaufflammen.“

In den Mittelpunkt stellt Bouzid Farah, eine junge, expressive, kluge Frau, die die ungebremste Energie einer Jugend spiegelt, die sich nicht länger einsperren lassen will. Als Sängerin einer Band, die sich mit halblegalen Auftritten in der tunesischen Szene langsam einen Namen macht, stößt sie bald an die Grenzen des restriktiven, patriarchalischen Systems. Ihre Texte kritisieren die gesellschaftlichen Zustände, und die Musik mixt traditionelle arabische Instrumente mit Elektro, Pop und Rock. Bald fliegt auf, daß ein Bandmitglied als Polizeispitzel agiert und die Situation eskaliert.

Bouzid erzählt nicht nur die mitreißende Geschichte einer in ihrer Passioniertheit fast naiven Rebellin, die von Baya Medhaffer mit Herz und Seele verkörpert wird, sondern auch eine erste schwierige Liebesgeschichte, eine explosive Mutter-Tochter-Beziehung und das Schicksal einer ganzen Familie, die sich von einer Diktatur nicht einschüchtern lassen will. Aber es gibt eben den einen wunden Punkt, der angreifbar macht: das Schicksal des eigenen Kindes.

Dabei wird deutlich, daß Farah und auch Hayet, ihre Mutter, gespielt von der wunderbaren Ghalia Benali, einer bekannten tunesischen Sängerin und Künstlerin, immer wieder an männlich dominierten Territorienabgrenzungen zurückgewiesen, als Besitz betrachtet und auf ihre Sexualität reduziert werden. Bouzid zeigt das in teils dokumentarisch gedrehten Situationen und eingefangen durch die organisch fließende Kameraarbeit von Sébastien Goepfert. Diese führt uns so nah an die Gefühle der Darstellerinnen heran, daß es schon schmerzt.

Aber dank des hypnotischen Soundtracks, der von dem irakischen Komponisten Khyam Allami stammt, verlieren wir nie die Hoffnung. Gerade deshalb ist Leyla Bouzids Rückblick auf die Zeit in Tunesien vor dem Aufbruch so aktuell wie nie und eine Stimme der kreativen Jugend dieses Landes.

[ Susanne Kim ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...

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