Originaltitel: ATTENBERG

Griechenland 2010, 95 min
FSK 12
Verleih: REM

Genre: Erwachsenwerden, Komödie, Schräg

Darsteller: Evangelia Randou, Ariane Labed, Vangelis Mourikis

Regie: Athina Rachel Tsangari

Kinostart: 14.06.12

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Attenberg

Mit Zunge

Sie küssen sich so, wie andere lernen zu jonglieren. Bella ist diejenige, die längst weiß, wo die Zunge hingehört. Marina stakst mehr in Bellas Mund umher, als daß sie mit Lust bei der Hauptsache wäre. Daß sich das fremde Ding anfühlt wie eine eklige Nacktschnecke, stellen andere Mädchen mit 13 fest. Die schwer nachpubertäre Marina aber ist schon 23. Lesbische Liebe in Griechenland? Die ökonomische Krise ist in der Beziehungskiste angelangt? Schwer getäuscht! Die beschriebene Kuß-Lektion ist die 5minütige Eingangsequenz, Bella und Marina sind „nur“ beste Freundinnen.

Athina Rachel Tsangaris ATTENBERG entpuppt sich als sonderbare, leicht irritierende und für Entdeckergeschmäcker höchst amüsante Tragikomödie. Es ist schon äußerlich ein anderes Griechenland, das hier gezeigt wird. Kaum Sonne ist zu sehen, dafür Neubaublock, Hospital, Vorstadtindustrie. Marina lebt mit ihrem kranken Vater allein, einem Architekten, der nicht nur der kleinen Familie, sondern voller Pathos zugleich dem ganzen Jahrhundert den Rücken kehren und keinesfalls an Land, sondern im Meer begraben sein will. Fischsuppe statt Grabes-Architektur.

Er und Marina haben eine sonderbar-moderne Beziehung, blödeln zusammen herum, stellen sich dem Ernst des Sterbens vor der Zeit. Vater würde es gern sehen, könnte sich das Mädchen endlich verlieben. Was Marina von Männern denkt, übers Körperliche fühlt, ist lose vom Vaterbild geprägt. Und – welch griechisch-göttliche Regie-Idee – vom gemeinsamen Konsumieren der Tierfilme von Sir David Attenborough. Die unbeschwerte Bella ist ständig am Turteln. Zusammen sind sie „female infernale“, alberne Weibsen und poetische Frauen, die vorerst noch nicht wissen, wohin mit sich. Aber: Das wird schon. Auch für Marina, die tatsächlich ihre Feldforschungen an einem echten männlichen Wesen beginnt. Mit Liebe aber hat das alles noch nichts zu tun …

ATTENBERG ist ein vages Spiel mit Indifferenzen, mit vielen komisch-surrealen Momenten, spröden Konturen, einem wild wuchernden Soundtrack. Ein Film, der oft zitierter Gängigkeit von Coming Of Age-Filmen regelrecht auf den Fuß fällt und sich damit jeder klassischen Zielgruppe entzieht. Eine Seltenheit.

[ Andreas Körner ]

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