D/NL/F 2016, 112 min
FSK 12
Verleih: MFA

Genre: Drama

Darsteller: Sebastian Hülk, Julia Jentsch, Hanns Zischler

Regie: Asli Özge

Kinostart: 20.10.16

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Auf einmal

Die Durchschnittlichkeit des Bösen

Asli Özge hat ein psychologisches Porträt eines deutschen Typus gedreht, das sich auf mehreren Ebenen mit dem perfekten Mittelmaß auseinandersetzt. Dieses zeigt sie in Altena, einer Kleinstadt, in der oberen Mittelschicht. Verkörpert durch Karsten, einen Durchschnittstypen mit ebenfalls durchschnittlichen Freunden. In seiner Wohnung wird eine Stehparty gefeiert, und am Ende bleibt er dort gegen Mitternacht mit der melancholischen Anna alleine zurück. Sie hat gerade Geburtstag, verrät sie ihm. Kurze Zeit später ist Anna tot. Karsten wird in vielerlei Hinsicht verdächtig. Fest steht, er fühlte sich hingezogen zu der Toten. Und seine Freundin war nicht da.

Es wird für die Handlung nicht wirklich wichtig sein, wer am Ende die Schuld an Annas Tod trägt, auch wenn diese Frage für eine gewisse Grundspannung sorgt. Viel wichtiger ist es Özge zu zeigen, wie Karsten der soziale Garaus gemacht wird, ihm in rasender Geschwindigkeit alles wegbröckelt, was nur wenige Tage vorher sein Leben ausmachte.

Erst scheint Karsten die moralische Isolationshaft, in die ihn die Kleinstadtszenerie, sein Chef in der Bank, seine Freundin und seine Eltern nehmen, einen reinigenden Moment der Erleuchtung zu bescheren. Zum ersten Mal wird ihm klar, daß er genau wie seine berechnenden Eltern hauptsächlich deshalb um sein Image fürchtet, weil er ein Gefangener von nie hinterfragten Ansprüchen und Idealen ist, die wie die Erbsünde an ihm kleben. Doch Karsten entscheidet sich am Ende für Rache statt für den möglichen Neuanfang. Was sein unsympathisches Heldendasein, das Özge zeichnet, untermauert.

Es drängt sich, apropos Klischee, die Frage auf, ob sich Özge eventuell vor allem an ihrem Deutschlandbild abarbeiten will. Denn die überspannte, satte Spießigkeit wird nur in Gestalt von Annas Ehemann, einem Spätaussiedler mit starkem Akzent, gebrochen, der als Einziger weder eine weiße Weste haben möchte, noch ein gepflegtes Wohnumfeld vorzuweisen hat.

Alles und alle anderen in Özges Film bleiben berechnend kalt: von der Bildsprache bis hin zur Besetzungsliste. Die deutsche Fahne weht dazu dräuend auf dem Berggipfel, den Karsten erklimmt, um endgültig tief zu fallen.

[ Susanne Kim ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...

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