Originaltitel: VISAGES, VILLAGES

F 2017, 94 min
FSK 0
Verleih: Weltkino

Genre: Dokumentation, Roadmovie

Regie: Agnès Varda, JR

Kinostart: 31.05.18

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Augenblicke: Gesichter einer Reise

Dem Leben mit einem Zwinkern bei der Arbeit zuschauen

Die Nouvelle-Vague-Legende Agnès Varda feierte eben ihren 90. Geburtstag und ist dennoch wacher und experimentierfreudiger als viele Filmemacher, die halb so alt sind wie sie. Nun hat sie sich mit dem 33jährigen Street-Art-Künstler JR zusammengetan, der dafür bekannt ist, daß er mit einem Fotomobil durch die Welt reist und die Menschen, die er trifft, mit überlebensgroßen Porträts im öffentlichen Raum verewigt. Gemeinsam machen sich die beiden auf eine Reise durchs ländliche Frankreich, um den „Menschen ins Gesicht zu sehen.“

So einfach die Versuchsanordnung, so wunderbar fein und komplex das Ergebnis. Varda und JR gehen mit großer Offenheit ans Werk und überzeugen viele, die ihren Weg zufällig kreuzen, sich vor der Kamera und für die Kamera zu öffnen. Ihre Gesprächspartner erzählen über sich selbst, sprechen aber im gleichen Atemzug auch über das Leben an sich. Da trifft die bedachte Kapitalismuskritik einer sanften Ziegenhirtin auf die Wehmut einer älteren Frau, die als Letzte in einem verlassenen Dorf zurückgeblieben ist.

Mit feinem Gespür für die Poesie des Moments zeigt der Film, was passiert, wenn wir der Kunst erlauben, unseren Alltag durcheinanderzuwirbeln. Sobald die Menschen ihr eigenes Bild an Wänden und Mauern im öffentlichen Raum erleben, geschieht etwas mit ihnen: Sie nehmen sich die Freiheit, das Wort zu ergreifen. Unprätentiös, ehrlich und mit einer Offenheit, die sie oft selbst zu überraschen scheint.

Begleitet von Vardas humorvollem Kommentar im Off und einem wunderbaren Soundtrack schafft der Film ein Sittenbild des ländlichen Frankreichs. Mit großer Ernsthaftigkeit, aber ohne jedes Tremolo sprechen die Menschen über Vergangenheit und Zukunft, die Liebe und die Kunst, sein Leben so zu gestalten, wie man will. Es ist ausgesprochen erholsam, einen Dokumentarfilm zu sehen, in dem keine Experten im Alarm-Modus den Ist-Zustand der Gesellschaft beklagen, sondern ganz normale Menschen sehr reflektiert über das sprechen, was uns alle bewegt. Und ganz nebenbei gelingt es Varda und JR auch noch, in einem herrlichen Sidekick zu beweisen, daß es Filme gibt, die ohne die Mitwirkung des anderen Nouvelle-Vague-Gottes Jean-Luc Godard besser werden als mit ihm.

[ Luc-Carolin Ziemann ] Carolin hat ein großes Faible für Dokumentarfilme, liebt aber auch gut gespielte, untergründige Independents und ins Surreale tendierende Geschichten, Kurzfilme und intensive Kammerspiele. Schwer haben es historische Kostümschinken, Actionfilme, Thriller und Liebeskomödien ... aber einen Versuch ist ihr (fast) jeder Film wert.

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