Originaltitel: TAN DE REPENTE

Argentinien 2002, 94 min
Verleih: Alamode

Genre: Roadmovie, Tragikomödie, Schwul-Lesbisch

Darsteller: Tatiana Saphir, Carla Crespo, Verónica Hassan, Beatriz Thibaudín

Stab:
Regie: Diego Lerman
Drehbuch: Diego Lerman

Kinostart: 26.06.03

Noch keine Bewertung

Aus heiterem Himmel

Hit The Road, Lenin!

Mao und Lenin entführen eine Dessous-Verkäuferin?! Wissen muß man vielleicht, daß es sich dabei um zwei ziemlich ruppige, junge Lesben aus Buenos Aires handelt und sich das üppige und scheue Opfer Marcia so ungern hinter dem Wäschetresen aufhält, daß sie vielleicht sogar freiwillig mitgekommen wäre. Die beiden drahtigen Großstadt-Gören sind fasziniert. Ein kurzer Blick im Straßengewimmel, Mao verfällt dem dicken Mädchen auf der Stelle. "Willst du ficken?" Nein, Marcia will nicht. Und obwohl sie noch nie dort war, will sie auch nicht mit an die See. Lenins Messer an der Kehle überzeugt, ein Taxi wird gekapert, das Meer wird mit der diesem Film eigenen spröden Zartheit präsentiert: "Hier hast du’s."

Starke Kontraste, harte Gegensätze bestimmen Diego Lermans zwischen prosaisch und poetisch pendelnde Tragikomödie. Sie legt sich einem nicht gleich und nicht weich ans Herz, weil Lerman genau wie Mao eine etwas kantigere Verführungstaktik verfolgt. Man muß sich seinen knapp, rauh und doch treffend umrissenen Frauenfiguren ergeben, weil sie das so barsch und eindringlich fordern. Man erliegt dem melancholischen Flair seiner Schwarz-Weiß-Bilder, weil sie stumpfer, körniger und nüchterner sind - ein bißchen Punk gegen modische Veredelungsstrategien eben. Das ruhige Meer kann nur Zwischenstation sein. Mal holperig, mal seltsam geht die Reise per Anhalter weiter - man fährt mit dem Laster jemanden über den Haufen, man hört von Killerwalen. Im Haus von Lenins alter Tante Blanca strandet das Trio schließlich. Lenin wird Hühner füttern, Mao wird einen Typen anmachen und in Marcias viel zu großen Klamotten herumspazieren, Marcia wird sich im Spiegel auf dem Klo vielleicht zum erstenmal richtig betrachten und endlich lachend erzählen können, daß sie sich in der Schule mal bepinkelt hat.

Mit ein bißchen Wehmut, mit überraschendem, biestigem, manchmal auch staubtrockenem Witz widersetzt sich Lerman großen Gesten: kein mutiger Aufbruch, kein großmäuliger Ausbruch. Er blickt hinter die Posen, hinter die Schutzwälle aus abweisender Kühle und gleichmütigem Trotz. Ach, hätte er auf seinem Road Trip doch auch den furchtbar faden deutschen Filmtitel abgehängt!

[ Sylvia Görke ]

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.