D 2014, 100 min
FSK 6
Verleih: Drop-Out Cinema

Genre: Dokumentation, Biographie

Regie: Marina Kem

Kinostart: 05.02.15

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Bonne nuit Papa

Biographie eines Entwurzelten

Ein Septembermorgen 1965: Ein junger Mann mit dunklem, dichtem Haar und Tiefe im Blick steht am Flughafen in der Hauptstadt Phnom Penh. Es könnte ein amerikanischer Filmschauspieler sein, doch Ottara Kem, 19 Jahre alt, ist Abiturient. Der junge Kambodschaner steigt ins Flugzeug und erreicht zwei Tage später eine völlig andere Welt: die DDR. Er hat ein Stipendium für das Studium in Leipzig in der Tasche. Eine Auszeichnung für ihn und seine Familie, die in einer armen Provinz Kambodschas, nahe der vietnamesischen Grenze, zu Hause ist.

Die Idee: Als frischgebackener Ingenieur soll Ottara zurückkehren und Land und Familie Gutes tun. Doch das geht nicht auf. Zehn Jahre später, Ottara hat eben seinen Doktortitel bekommen, riegeln die Roten Khmer das Land ab. Niemand darf rein oder raus. „Es ist wie ein Alptraum“, schreibt ein überlebender Angehöriger, „sie töten die Einwohner wie die Fliegen.“ Ottara bleibt, heiratet und bekommt drei Töchter. Seinen Kindern erzählt er nichts von seiner Familie und ihrem Schicksal. Lange Zeit wundern sie sich über seine Sprachlosigkeit. Als sich 1999 ein kambodschanischer Verwandter meldet, wird klar, daß es Überlebende in der Familie gibt.

Die älteste Tochter Marina beschließt, das Land zu besuchen, Ottara begleitet sie und betritt nach 34 Jahren zum ersten Mal wieder kambodschanischen Boden. Doch die große Offenbarung bleibt aus. Auch dort ist Ottara schweigsam. Also beschließt Marina Kem, die zu dem Zeitpunkt Dokumentarfilmregie studiert, das Leben ihres Vaters zu verfilmen – in detailreicher Feinarbeit. Mit über 150 Stunden Drehmaterial, Fotos, Archivbildern und Animationen bebildert sie nicht nur die Biographie eines Entwurzelten, sondern auch ein dunkles Kapitel kambodschanischer Geschichte und ihre Annäherung an ihren Vater und seine Familie. Sie legt Familienwunden frei, das gerät schmerzlich und schön zugleich.

Nur Ottara Kem bleibt bis zum Ende rätselhaft. Denn sein Schweigen ist filmisches Mittel, der Großteil des Films spielt nach seinem Tod. Also erinnern Gedanken, seine geschriebenen Geschichten und Bilder an diesen Menschen, der seine Heimat verlor, aber nie eine neue fand.

[ Claudia Euen ]

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