Originaltitel: PLACE PUBLIQUE

F 2017, 98 min
FSK 6
Verleih: Tiberius

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri, Léa Drucker, Kévin Azaïs

Regie: Agnès Jaoui

Kinostart: 18.10.18

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Champagner & Macarons

Vor dem Kater kommt der Klassenkampf

Bereits einige Filme erkannten das Unterhaltungspotential innerfamiliären Zwists: Wo im realen Leben zu verbissener Funkstille führt, was Tante Käthe kurz nach dem Mauerfall volltrunken über die entfernte Cousine lallte, taugen Auf-Parties-abrechnen-Komödien Lautstärke und polternde Überhöhung zum Mittel der Kommunikation. Das darf so sein.

Und rechtfertigt gleich mal Nathalie, die sonnenbebrillte, stets mit Freisprechknopf im Ohr bewaffnete, gewagt gewandete sowie das Servicepersonal rüde ankreischende Gastgeberin einer rauschenden Feier im Grünen. Zumindest neigt Nathalie manchmal zur Ehrlichkeit: „Ich habe nicht zugehört.“ Das unsägliche Geschwafel der lärmbelästigten Nachbarn, die am Folgemorgen auf dem – igitt – Acker arbeiten müssen, kann ja keiner recht verkraften. Dann sich doch lieber Castro zugewandt, dem zynischen Wichtigtuer (Sonnenbrille!). Dessen zur Weltenrettung angetretene Ex-Frau Hélène schenkt dem Schicksal fremder Flüchtlinge wesentlich mehr Aufmerksamkeit als Tochter Nina, welche den Eltern just per Buch öffentlich knallhart den Mittelfinger zeigte. Und Nathalies osteuropäischer Liebhaber, grundsätzlich ein etwas besserer Angestellter, trägt derweil Essen rum.

Bloß ein angerissener Ausschnitt des weitläufigen Personengeflechts, auf zwei Schubladen verteilt: die selbsternannte Elite und das demütige Fußvolk. Man mag da krude Schwarzweißmalerei wittern und läge sogar richtig, dennoch: Nicht nur die Schönheit steckt häufig im Detail, sondern auch Tiefe. Es lohnt, genauer hinzusehen und vor allem zu lauschen, wie feine Nadelstiche hinterrücks Figuren pieken – wenn Idealistin Hélène angesichts des lange gesuchten Buches „Horror der Ökonomie“ vor Freude kaum zurück ins wuschelige Wolkenkuckucksheim findet. Oder Nathalies Buchhalterin, eine gleichermaßen nervenraubende wie anrührende Person, leutselig verrät, daß viele Leute ihre Anrufe nicht erreichen würden ...

Da schwimmen zwischen immer vergleichsweise leiser Komik und erstaunlich subtiler Tragik lediglich instabile Grenzen, spannendes Liedgut transportiert zusätzlich Gefühle, und bezüglich moderner Handynutzung zum Zwecke unablässiger Präsenz auf sämtlichen Kanälen kommt ein wieder eigentlich stumpf rausgeätzter Satz exakt auf den Punkt: „Big Brother, aber alle sind einverstanden.“ Polternde Überhöhung? Darf sein.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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