Originaltitel: CHRIEG

CH 2014, 114 min
FSK 16
Verleih: Picture Tree

Genre: Drama, Erwachsenwerden

Darsteller: Benjamin Lutzke, Ella Rumpf, Sascha Gisler

Regie: Simon Jacquemet

Kinostart: 28.04.16

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Chrieg

Matteos Krieg – gelungenes Jugenddrama aus der Schweiz

Hier ist echt nix mit „Süßer Vogel Jugend“: Teenager Matteo lebt in der Vorstadt. Die Mutter ist die personifizierte Adipositas, die sich vor allem um ihr neues Baby kümmert, der Vater ein großspuriger Trampel. Mit keinem hat Matteo sich wirklich was zu sagen. Warum auch? Phlegmatisch scheint er sich in das Tag-für-Tag-Vakuum eines Lebens im emotionalen Leerlauf zu fügen.Und doch gärt etwas in dem Jungen. Etwas, das er nicht begreifen kann, weil es auch in seinem Umfeld keiner begreift. Ein Lebens- und Liebeshunger nämlich, der Matteo eines Tages dazu verleitet, einen heimlichen Spaziergang mit dem Familien-Baby zu unternehmen. Mit fatalen Folgen: Der Säugling wird verletzt, die unterschwelligen Konflikte brechen auf. In der Nacht wird Matteo von zwei Männern aus dem Bett geholt. Hoch hinauf in die Berge geht es. Dort soll Matteo in einem Bootcamp lernen, wie das so geht mit der Lebenstüchtigkeit.

Und das wird Matteo auch. Allerdings anders, als sich das die pädagogischen Entscheidungsträger vorgestellt haben. Denn die kleine Jugend-Clique, die da schon auf der Alm lebt und bei Mutter Natur, körperlicher Arbeit und Eigenverantwortung wieder zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden soll, hat längst selbst schon die Kontrolle übernommen. Für Matteo bedeutet das, nach anfänglichen, demütigenden Initiationsriten endlich das gefunden zu haben, was ihm gefehlt hat. Eine echte Gemeinschaft. Und die Möglichkeit, mit dieser allen Frust, alle Aggression auszuleben. Bis zum bitteren Ende.

CHRIEG zeigt das als einen Mechanismus fataler Zwangsläufigkeit. Und was immer man an dieser Geschichte als zu statisch konstruiert (etwa in der Gegensätzlichkeit Jugendliche-Erwachsene) entdecken und zu Recht kritisieren kann, ändert nichts daran, daß dem Schweizer Simon Jacquernets mit seinem Regiedebüt eins wirklich gelungen ist: das starke Porträt einer Gruppe Jugendlicher am gesellschaftlichen Rand.

Deren Zusammenhalt auf Zeit, zwischen Kraft und Fragilität, Machtgebaren und Verletzlichkeit, fußt dabei vor allem auf diesem „Chrieg“, den man hier gegen den gemeinsamen Feind führt. Also gegen das, was „die Gesellschaft“ und ihre Parameter definiert. Und gottlob erzählt das der Film eben nicht als anarchisches Idyll mit Berglandschaft, sondern konsequent in jener nüchtern beobachtenden Distanz, ob derer das Ende dann nur umso emotionaler wirkt.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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