D 2026, 198 min
Verleih: Salzgeber

Genre: Dokumentation

Regie: Volker Koepp

Kinostart: 19.03.26

Chronos – Fluß der Zeit

Wer hat an der Uhr gedreht?

Es ist nicht ganz falsch, die Dokumentarfilmerei als eine unter vielen Disziplinen der Bewegtbildproduktion zu fassen. Im Fall von Volker Koepp ist das jedoch in dieser Schlichtheit auch nicht ganz richtig. Kenner seiner Person und seines Œuvres beschreiben das Tun des mittlerweile über 80jährigen als „Lebensform.“ Das meint etwas anderes als künstlerische Werktätigkeit ohne geregelten Feierabend. Das Koeppsche Filmemachen muß man sich vielmehr als Beziehungsarbeit vorstellen: Verbindungspflege zu Menschen, Landschaften, Vergangenheiten, Gegenwarten, die mit dem Abspann nicht endet.

In CHRONOS liegt diese „Lebensform“ offener vor uns als je. Betitelt mit dem antiken Namen der Memel, vertieft in die Sprachbilder des Dichters Johannes Bobrowski und aufgeladen mit einem Begriff von Zeit, der aller Uhren spottet, bereist der Regisseur die historische Region Sarmatien. Zum x-ten Mal. Er kehrt dorthin zurück wie jemand, der sich überzeugen muß, daß dieses Land zwischen Weichsel, Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer noch immer existiert. Daß die Königin-Luise-Brücke zwischen Litauen und dem russischen Kaliningrad noch steht. Daß es in Czernowitz noch laut zugehen kann, auch wenn der eigentlich belebte Zentralplatz mit den vielen Zebrastreifen seit der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022 einmal täglich in Gedenkschweigen versinkt. Denn an Sarmatien zerren seit jeher nicht nur Winde und Wasser. Hier wurde und wird entvölkert und umgevolkt, durch die Nazis und deren ideologische Erben, durch die Sowjets und deren sich zu neuer Macht aufschwingende Nachfolger.

Die blutigen Häutungsgeschichten dieser Vielstaaten-, Vielvölker- und Vielsprachen-Nahtstelle zwischen den Europas läßt

Koepp in CHRONOS zusammenfallen: als Montage aus Zitaten seiner Filmographie, als Versuch, die Toten in den Austausch mit den Lebenden zu bringen. In dieser monumentalen Verdichtungsübung für Zeiten, die beständig aus den Fugen springen, die man in Vertreibungs- und Bedrohungserfahrungen mißt, begegnen längst verstorbene Holocaust-Überlebende aus dem Koepp-Universum der Berliner Antisemitismus-Aktivistin Anetta Kahane, treffen Exilantinnen aus der Ukraine, aus Moldawien und Belarus auf alte, aber feste Stimmen aus dem Gestern, die sich so sicher waren: Einen Hitler oder Stalin wird es nie wieder geben.

[ Sylvia Görke ]