D 2005, 96 min
Verleih: Timebandits

Genre: Dokumentation

Darsteller: Laurin Wiese, Mario Sönke, Reinhard Borutta

Stab:
Regie: Judith Keil, Antje Kruska
Drehbuch: Judith Keil, Antje Kruska

Kinostart: 15.02.07

Noch keine Bewertung

Dancing With Myself

Die sich den Wolf tanzen

Mit ABBA fing alles an. Zumindest für Reinhard. Er lebt den Tanz - in seiner Freizeit, von der er viel hat, seitdem nach mehreren beruflichen Anläufen auch der Schnellreparaturservice unter seiner Leitung den Geist aufgeben mußte. Den eigenen Geist muß er manchmal in der Psychiatrie generalüberholen lassen. Aber beim Tanzen, wie gesagt, ist er ganz bei sich - und mit ein bißchen Glück vielleicht auch bei der schönen Stella, die in der selben Selbsterfahrungsgruppe ihre Runden dreht.

Sie werden trotz aller Hoffnungen nur Freunde bleiben, er und Stella. Genau so, wie man mit diesem Film nur befreundet sein möchte und nicht liiert. Dafür ist er viel zu traurig, viel zu schmerzhaft und damit viel zu wenig tauglich für den täglichen Umgang. Aber, Chiquitita, was ist denn eigentlich los mit dem Reinhard Borutta, dem Bauhelfer Mario und der Schülerin Laurin? Sind sie nicht Alleintänzer wie alle, wie das Mode geworden ist nach Walzer und Klammerblues?

Anhand seiner drei Protagonisten führt dieses unterhaltsame, im Ergebnis aber spiel- und spaßverderbende Dokumentarstück einen sozialpsychologischen Ausdruckstanz um die goldene Leistungsgesellschaft auf. Auf der Nachtseite von Berlin, in einem Bauwagen, in einer verräumten Behausung und einer plüschenen Wohnlandschaft mit Hund, haben die Filmemacherinnen Judith Keil und Antje Kruska die Haken gefunden, an denen der vielzitierte Aufschwung baumelt: Verzweiflung, Vereinzelung, Ablehnung und ein trauriger Geburtstag im Wohnwagen mit Mutters Keksen.

Aber was heißt baumeln? Das Prekariat tanzt - zu einem Beat, den man in sich hört und der mit dem äußeren wenig übereinstimmt. Und diesen Beat, dieses manchmal ungelenke, manchmal komische und meistens beklemmende Aus-der-Reihe-Tanzen nach eigenem Rhythmus machen Keil und Kruska zum Herzschlag ihres Films. Gesprächssequenzen folgen auf dokumentierte Alltagsszenen, Zufallsbilder auf inszenierte Situationen, die deshalb richtig und wichtig sind, weil sie verstreute Beobachtungen auf den springenden, tanzenden Punkt bringen. Wer hier nicht sieht, was los ist, der muß eben fühlen.

[ Sylvia Görke ]

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.