Originaltitel: LA CHAMBRE BLEUE

F 2014, 76 min
FSK 12
Verleih: Arsenal

Genre: Thriller, Drama, Erotik

Darsteller: Léa Drucker, Mathieu Amalric, Stéphanie Cléau

Regie: Mathieu Amalric

Kinostart: 02.04.15

1 Bewertung

Das blaue Zimmer

Alte Schule, frische Schüler

Einige Zeit lang war es eine zwar gemeine, aber durchaus nachvollziehbare Reduzierung, die Filme vom westlichen Nachbarn „französisches Sprechkino“ zu nennen. Man konnte dort aber auch parlieren! Kann man immer noch, und manchmal ist es sogar ein wirksames Stilmittel, um den Figuren die Luft zum Atmen zu nehmen. Mathieu Amalrics Adaption von „Das blaue Zimmer“, ein Roman des belgischen Kriminal-Meisters Georges Simenon, verfolgt diese Spur. Amalric selbst spielt die männliche Hauptrolle und somit deren zunehmende Luftknappheit.

Eine Variation auf INTIMACY: Julien Gahyde, angenehm verheirateter Mann, Vater und Geschäftsmann, trifft sich zu rein erotischen Abenteuern mit Esther Despierre. Wöchentlich zumeist, immer dann, wenn in der Kleinstadt von außen am Haus das vereinbarte Zeichen zu sehen ist. Julien und Esther kennen sich von früher, kann sein, sie haben sich aus lauter Übermut dereinst die Ehe versprochen, ungestüm, unüberlegt. Wenn allerdings Esther heute fragt, ob auch Julien sich „freimachen könnte, wenn ich auf einmal frei wäre“, steckt dahinter besonderer Ernst. Julien täte besser daran, es dementsprechend zu hören. Hört er aber nicht! Er tut so, als hätte er es überhört. Frauen wie Esther lieben so etwas gar nicht.

Apropos hören: Schneller, als er glaubt, findet sich Julien in Befragungen wieder. Untersuchungsrichter, Polizeiinspektor, Psychologe, alle wollen Details. Und das große Reden beginnt! Viel schöner war’s, als Julien dieses Doppelleben gelebt hat, jetzt, nach „der Tat“, klingen Worte darüber doppelt leer. Haben wir es also mit einem dieser berüchtigten französischen Sprechfilme zu tun? Eben nicht! DAS BLAUE ZIMMER ist unter Amalrics Regie ein punktgenauer, präziser Thriller, eine elegante Stilübung in Sachen Film noir und Old School, ein hier sinnlich-kraftvolles, dort mürbe-trockenes Geflecht aus großartigen Bildern und gelogenen Wahrheiten. Beides unbedingt gewollt.

Bewährte Kinomuster werden in effektiven 76 Minuten neu entdeckt und zeitgemäß interpretiert, es werden mysteriöse Räume ausgeschritten, Betten und Körper sinnlich vermessen, scheinbare Nichtigkeiten mit überraschenden Anwesenheiten komponiert, um immer beklemmender werdende Verhörsequenzen mit vergangenen Zeitebenen wirksam zu unterfüttern. All das bewirkt keine Konfusion, sondern Seh-Lust. Das Dilemma der anderen war schon immer ein besonderer Reiz.

[ Andreas Körner ]

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