Originaltitel: LE TOUT NOUVEAU TESTAMENT

F/Belgien/Luxemburg 2014, 116 min
FSK 12
Verleih: NFP

Genre: Komödie, Schräg

Darsteller: Pili Groyne, Benoît Poelvoorde, Yolande Moreau, Catherine Deneuve

Regie: Jaco Van Dormael

Kinostart: 03.12.15

10 Bewertungen

Das brandneue Testament

Gottes Werk und Van Dormaels Nachtrag

Es ist Zeit, die Leibniz-Lektüre zur Seite zu legen und das Theodizee-Problem einmal mit anderen Augen zu betrachten. Sagen wir, durch die des Belgiers Jaco Van Dormael. Der räumt hier erst einmal gründlich auf mit Gerüchten, etwa Gott sei angeblich tot oder sogar die Güte selbst und habe beim kreativen Akt nur nicht die gebotene Sorgfalt walten lassen.

Nein, sein Gott ist ein ungehobelter Zeitgenosse im Bademantel, der Gattin, Kinder und Welt mit seinem cholerischen Temperament terrorisiert. Natürlich von Brüssel aus. Dieser schrecklich netten Familie legt Van Dormael die Geschicke der Schöpfung in die Hände – und guckt zu, was passiert. Oder erfindet vielmehr eine vor exegetischen Kurzschlüssen, seltsamen Kalauern sowie Raubzügen durch Kunst- und Filmgeschichte schier platzen wollende Alternative zur Heiligen Schrift. Daß dabei sowohl der Herrgott als auch dessen Sohn JC – Sie wissen: der mit dem Kreuz – ihre Hauptrollen einbüßen, gehört zum Konzept. Stattdessen rückt Gottes Tochter Éa, eine 10jährige Rebellin mit Sinn für Gerechtigkeit, ins Zentrum des Geschehens. Das kommt in Gang, als die Kleine auf Vatis Heimcomputer die gesammelten Sterbedaten der Menschheit entdeckt – und den Betroffenen per SMS zukommen läßt. Enter. Die weltlichen Medien sind schnell mit dem Schlagwort „DeathLeaks“ zur Stelle. Aber welch wundersame Wirkung die neue Transparenz im Leben des Einzelnen zeitigt, erfährt Éa erst, als sie sich aufmacht, um auf Erden sechs zusätzliche Apostel zu rekrutieren. Viel hilft viel.

Diesem Motto folgend, muß man sich das Drehbuch, eine Kooperation mit dem Schriftsteller Thomas Gunzig, wohl mehrbändig vorstellen. Wie sonst wären all diese Figuren, Volten, Ideen, musikalischen und visuellen Leitmotive, Film- und Bildzitate zu verwalten? Und doch ist die grandios besetzte belgische Dehnübung für müde Bibelleser auch ein Platzsparwunder, das komplexe Überlegungen zum göttlichen und irdischen Dasein gelegentlich in einem einzigen Bildwitz zu versammeln vermag.

Wie gehabt vertraut Van Dormael dabei auf einen bewußt kindlich konstruierten Zugang zur Welt, der Hochtrabendes und Tieffliegendes nahezu gleichberechtigt nebeneinanderstellt – und Unterschiede zwischen Qualitäts- und Brachialhumor einfach nicht gelten läßt. So gesehen, taugt diese göttliche Komödie über fast alles tatsächlich für fast alle.

[ Sylvia Görke ]

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