Originaltitel: LES PREMIERS, LES DERNIERS

Belgien/F 2015, 97 min
FSK 12
Verleih: NFP

Genre: Tragikomödie, Poesie, Mystery

Darsteller: Albert Dupontel, Bouli Lanners, Suzanne Clément, Michael Lonsdale

Stab:
Regie: Bouli Lanners
Drehbuch: Bouli Lanners

Kinostart: 11.05.17

4 Bewertungen

Das Ende ist erst der Anfang

... eines berauschenden Filmerlebnisses

Die religiös angehauchte Pariser Tageszeitung „La Croix“ hat Bouli Lanners neuen Film bereits vor einiger Zeit gesehen und einen „strahlend schönen Western im Tarantino-Style“ entdeckt. Das ist, bei allem Respekt, schlicht falsch. Gut, der Western stimmt, die Schönheit sei ebenfalls unbezweifelt, aber Tarantino – nö. Wo nämlich jener Imitator und Zitator unendlich irgendwelches Zeug labern läßt, erzählt Lanners originär, schrieb nur selten geschwätzige, oft aufs Nötige reduzierte Dialoge. Die sind wechselnd poetisch, schmerzhafte Tiefschläge, skurriler Unsinn. Lebensnah halt.

Was verwundern mag, schließlich geht der Handlungsidee grundsätzlich viel Realismus ab: Man munkelt, das Ende der Welt stünde in den Startlöchern, es wurde im Fernsehen verkündet, muß also stimmen. Ein Pärchen flieht, Esther hat Angst und eine psychische Beeinträchtigung; kommen ihr Menschen zu nahe, schreit sie. Willy tut alles, seiner Geliebten zu helfen, derweil suchen zwei gewaltbereite Kriminelle nach einem gestohlenen Handy. Schließlich treibt sich noch ein Mann namens Jesus herum, wird beschossen, trägt dadurch Wundmale an den Händen davon – oder waren die schon vorher da?

Man fragt sich: Was hätte Tarantino aus solcher Prämisse gemacht? Etwas zwanghaft auf Kult Gebürstetes sicherlich, eine durchnummerierte Angelegenheit, schick und kalt. Lanners wiederum geht’s in keiner Szene um stilistische Mätzchen, er fokussiert auf diese fraglos schrägen Figuren, gebrochenen Charaktere – und liebt sie ohne Vorbehalte. Ihre Schmucklosigkeit verschmilzt mit der kargen (obgleich hinreißenden) umgebenden Landschaft, sie tarnen sich geradezu, haben einander, um der übergroß lauernden Einsamkeit zu trotzen. Anderen blieb derartiges Glück verwehrt, zur Illustration dessen dient eine vertrocknete Mumie. Klar!

Lanners gefällt es, anfängliche Schräglage zunehmend ins Gleichgewicht zu bringen, bittere verbale Widerhaken einzubauen, akustisch für Unbehagen zu sorgen. Etwa dann, wenn die Tonspur in kompletter Stille vor dem Gnadenschuß verharrt, lediglich das Blut im Zuschauerohr rauscht. Erklärerei gibt’s dazu nirgends, Offenbarungen wenige, am erschütterndsten die von Esther, hinterm Duschvorhang verborgen, geschützt. Und in der chaotischen Finsternis fluoresziert eine verblüffend leuchtstarke Ansage: Ob Weltuntergang oder Leben, zusammen erträgt man’s leichter.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.