CH 2006, 97 min
Verleih: Langjahr Film

Genre: Dokumentation

Regie: Erich Langjahr

Kinostart: 08.11.07

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Das Erbe der Bergler

Alles Handarbeit - eine dokumentarische Zeitreise

Sie heißen Alois, Toni, Urs, Erik, und sie sind auch im Zeitalter der chronischen Rückenleiden und anderer Bürokrankheiten noch in Bestform. Ein Mal im Jahr, am 1. August, dem Schweizerischen Nationalfeiertag, steigen sie wie ihre Vorfahren vom Muotatal hinauf auf die Alm, um die Heuernte einzufahren, die ihren Familien seit Generationen zusteht. Damals tat man das aus Notwendigkeit, heute aus Tradition.

Regisseur Erich Langjahr, der als unermüdlicher Stammgast des Dokumentarfilmfestivals übrigens auch Leipziger Traditionen zu schätzen weiß, schildert das Werk der Wildheuer mit viel Geduld und Präzision, als Beobachter und nur selten als Kommentator. Die sinnliche Erfahrbarkeit der Arbeit, die nicht gestört wird durch schnelle Schnitte oder Einordnungen, entfacht die Neugier auf die kleinen Rituale und Handgriffe. Auch die Art, ein Stück Holz zu begreifen oder einen Faden mit dem Messer zu kappen, kann eben ein Erlebnis sein.

Noch bevor die Männer (und Erichs Hund) den steilen Berghang erklimmen, wird das Kino zur Zeitmaschine. Da erklärt im Prolog ein alter Bauer, wie er als Kind jeden Morgen Ameisenhaufen beobachten mußte, um das Wetter vorherzusagen. Als direkte Vorbereitung auf die Ernte wird anschließend noch ein Griffholzschuh hergestellt, per Hand versteht sich. Auch für das Nachspiel nimmt sich der Film ausreichend Zeit. Nachdem die scheunengroßen Ballen im Winter nach der Ernte auf einer abenteuerlichen Schlittenfahrt ins Tal gebracht wurden, rückt eine Szene in der Dorfkneipe die Tradition noch ein kleines Stück weit in den Alltag. Doch auch jetzt wird auf Interviews verzichtet. Man begreift auch so, warum die Männer die schwere Arbeit immer wieder auf sich nehmen würden.

Daß sich der Erlös in keiner Weise finanziell auszahlt - wozu soll man das erzählen. Langjahr schildert lieber ein lebendiges Erbe, egal ob es sich nur noch auf den unzugänglichen steilen Berghängen abspielt. Wer es als Gegenbild zu etwas sehen will, ist herzlich dazu eingeladen. Der Regisseur selbst bewegt sich aber eher direkt in den Fußspuren der porträtierten Tradition, indem er sie filmisch bewahrt und eine reiche dokumentarische Ernte einfährt.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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