Originaltitel: THE LEISURE SEEKER

USA/I 2017, 112 min
FSK 12
Verleih: Concorde

Genre: Tragikomödie, Roadmovie

Darsteller: Helen Mirren, Donald Sutherland, Chelle Ramos, Dick Gregory, Janel Moloney

Regie: Paolo Virzì

Kinostart: 04.01.18

1 Bewertung

Das Leuchten der Erinnerung

Auf Abschiedstour durch ein gemeinsames Leben

Regisseur Paolo Virzi war zuletzt gern auf Reisen: DIE SÜSSE GIER ließ eine Gruppe Antagonisten auf persönliche Abgründe zurasen, bevor DIE ÜBERGLÜCKLICHEN einen erfreulich irren Roadtrip starteten. In beiden Fällen fungierte Valeria Bruni Tedeschi als Steuerfrau, muß hier nun allerdings das Ruder aus den fähigen Händen geben. Doch Ruhe bewahren, für Virzis erstes englischsprachiges Werk wurde adäquater Ersatz gefunden.

Helen Mirren nämlich, eine unverrückbar sichere Bank also, zumal, wenn Donald Sutherland sie flankiert. Das Duo ist, man ahnt es bereits, unterwegs. Sehr zum Schrecken der sporadisch mal angerufenen, dadurch gering beruhigten Kinder hat das alte Paar Ella und John sein ebenfalls nicht taufrisches Wohnmobil aus dem Ruhestand geholt, klappert jetzt erinnerungsschwangere Lebensstationen ab. Ein Abschied von früheren Freuden, aber gleichfalls einander, denn John verliert jeden Tag weiter an Geisteskraft, weiß oft kaum mehr, wo er sich befindet. Ella widmet Schutz und Pflege des langjährigen Geliebten alle möglichen Mittel, obwohl auch ihr Gesundheitszustand kritische Züge zeigt …

Keine Geschichte, die Sie sehen wollen? Zu niederdrückend, wenig unterhaltsam, Krankheiten sind tabu? Sie verpassen was, und zwar einiges. Die darstellerische Qualität liegt, wie oben angedeutet, auf der Hand, aber egal, tragen wir eben wahrlich dicke Eulen nach Athen und loben das Zweierbündnis Mirren/Sutherland für Lehrstücke höchster Schauspielerei. Zu denen neben emotionale Gräben auslotenden Blicken oder vielsagendem Schweigen gewisse Selbstverständlichkeit gehört, die sich aus Selbstbewußtsein speist. Ein Beispiel: Wenn man sich gerade fragt, wer Mirren diese übel offensichtliche Perücke verpaßt hat, nimmt sie das Gebilde ab – und offenbart ungeahnte, nonkonforme Schönheit. Und daß Sutherlands John das Wasser nicht halten kann, wird zum normalen Fakt jenseits von Ekel, Larmoyanz oder Mitleid, ohne Scheu bebildert und gemimt. Läuft’s halt!

Überhaupt legt Virzi die Tränendrüsen vorerst komplett trocken, ersetzt den Kitsch seiner Hollywoodkollegen durch ruppigen Witz, darin teils fast absurde Ausreißer. Letztere nehmen Gestalt als Dialog oder Situation an – man verinnerliche das bittersüße, tragikomische Potential folgender Szene: Ella, das abscheuliche Haarteil fest im Griff, braust auf dem Rücksitz eines Motorrades, dessen Fahrer altersmäßig zum Enkel taugen könnte, dem Campingwagen hinterher, weil John sie an der Tankstelle schlicht vergaß …

Da kommt Virzis wohl größtes Talent zum Tragen: die willentlich auf den Effekt bzw. sogar dessen pure Hascherei inszenierte Überhöhung erden, vom gesteigerte Aufmerksamkeit generierenden Ballast befreien und sie dann auf Normalniveau nahezu alltägliche Qualitäten entfalten zu lassen. Echte Kunst, welche sich schwesterlich dezenteren, versteckten Augenblicken zur Seite stellt. Oder sollte im Autoradio „Me And Bobby McGee“ rein zufällig nachdrücklich verkünden: „Freedom’s Just Another Word For Nothin’ Left To Lose“? Wir sind sicher: Anderen Filmemachern hätte bloß der Song gefallen, Virzi hingegen wählte voll Bedacht.

Am emotionalen Ende steht schließlich zwingend logisch Ellas Stärke neben der Freiheit ihrer Entscheidung und verbundener Verantwortung schon extremen Ausmaßes. Es mag vielleicht Diskussionen provozieren, was indes nichts an seiner Richtigkeit ändert. Ein Wort, ein Grund: zusammen.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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