D 2017, 111 min
FSK 12
Verleih: StudioCanal

Genre: Drama

Darsteller: Leonard Schleicher, Lena Klenke, Jonas Dassler, Ronald Zehrfeld, Florian Lukas, Jördis Triebel, Michael Gwisdek

Regie: Lars Kraume

Kinostart: 01.03.18

2 Bewertungen

Das schweigende Klassenzimmer

Ein Staat vergrault seine Jugend

Es war eine spontane Aktion junger Leute: Angesichts der Opfer des Ungarnaufstandes 1956 legte eine Abiturklasse in der DDR zu Unterrichtsbeginn eine Schweigeminute ein. Das scheint uns heute nicht weiter der Rede wert zu sein, doch für die jungen Menschen hatte ihr Verhalten damals dramatische Konsequenzen. Der Lehrkörper witterte sogleich konterrevolutionäre Umtriebe, die Sache zog sich bis hinauf in ministeriale Kreise. Die Rädelsführer sollten unbedingt gefunden und von der Schule entfernt werden. Doch die Schüler weigerten sich, einen ans Messer zu liefern. 

Auf Grundlage dieser realen Episode inszeniert Regisseur Lars Kraume ein packendes historisches Lehrstück über die frühe DDR, nur wenige Jahre vor dem Mauerbau. Die Handlung wird vom brandenburgischen Storkow nach Stalinstadt (Eisenhüttenstadt) verlegt. Im Mittelpunkt stehen die beiden Freunde Theo und Kurt, die aus sehr unterschiedlichen Familien kommen. Als sie bei einem Besuch in Westberlin ins Kino gehen, sehen sie die dramatischen Bilder vom Ungarnaufstand in der Wochenschau. Hier wird ganz anders über die Ereignisse berichtet als in den Ostmedien. Später hören sie mit weiteren Klassenkameraden beim alten Edgar regelmäßig RIAS, obwohl das offiziell verboten ist. Das propagierte Bild vom gerechten Arbeiter- und Bauernstaat bekommt immer mehr Risse für die Jugendlichen. 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER braucht ein wenig, bis der Film Fahrt aufnimmt und sich die Konflikte zuspitzen. Dafür nimmt sich Lars Kraume Zeit, um eine Atmosphäre bedrückender Piefigkeit aufzubauen, was ihm sehr gut gelingt. Das gesamte Ensemble aus jungen Nachwuchstalenten und erfahrenen Schauspielern arbeitet dabei hervorragend zusammen. Zwar wird die Botschaft vom Unrechtssystem DDR mitunter ein wenig überdeutlich vermittelt, aber die Spielfreude  der Beteiligten gleicht das wieder aus. Dabei sind auch die unsympathischen Charaktere durchaus differenziert gezeichnet. 

Am Ende erreichen die Verantwortlichen durch ihr Eingreifen und ihren Druck auf die Jugendlichen genau das Gegenteil: Sie haben ihnen ungewollt die wahre Natur des Systems enthüllt, und die Jugendlichen ziehen daraus die einzig mögliche Konsequenz. Nur wenige Jahre später gab es diese Möglichkeit dann nicht mehr.

[ Dörthe Gromes ]

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