D 2012, 82 min
FSK 0
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation

Regie: Andreas Pichler

Kinostart: 06.12.12

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Das Venedigprinzip

Die Lagunenstadt sehen und sterben?

Venedig ist einer dieser Orte, die man zu kennen glaubt, selbst wenn man nie dort gewesen ist. Die Ikonografie der Lagunenstadt – der Markusplatz mit seinen Tauben, der Canale Grande, auf dem unzählige mit Touristen vollgepackte Gondeln herumschippern, die prächtigen alten Paläste mit ihrem romantisch-morbiden Charme des Verfalls – ist Bestandteil der globalen Popkultur und macht sie zu einem Sehnsuchtsziel für Millionen von Reisenden. Venedig ist zu einer milliardenschweren Marke geworden, an der vor allem internationale Konzerne verdienen.

Der in Südtirol aufgewachsene Regisseur Andreas Pichler blickt in seinem Dokumentarfilm DAS VENEDIGPRINZIP hinter die Fassade des Touristen-Venedigs und zeigt diejenigen, die den Preis für die Verwandlung der Stadt in eine Art Disneyland zahlen: die letzten Einwohner. Je mehr die Urlauberzahlen steigen, je teurer die Quadratmeterpreise, je mehr öffentliche Einrichtungen geschlossen werden, umso weniger ist Venedig ein Ort, an dem noch ein Alltagsleben möglich ist. Ein Teufelskreis, vor dem die Kommune Venedig längst kapituliert hat.

Pichler begleitet unter anderem eine alte Adlige, die gegen den Ausverkauf ihrer Heimat polemisiert, einen Immobilienmakler mit schlechtem Gewissen, einen ehemaligen Gondoliere und einen Lastkahnfahrer, der am Ende seine eigenen Möbel aufs Festland bringen muß, weil er sich die teure Miete nicht mehr leisten kann. Seine Protagonisten kämpfen auf verlorenem Posten, sie trotzen ihrem Schicksal mit Humor, der bisweilen ins Bittere kippt. Die Sympathie des Filmemachers liegt eindeutig bei diesen kleinen Leuten, die ihre Heimat trotz aller Widrigkeiten nicht verloren geben wollen. Er zeigt aber auch, wie wenig sie dem Ausverkauf ihrer Stadt entgegenzusetzen haben. Passend dazu ringt Kameramann Attila Boa dem fast totgefilmten Venedig ungewohnte Bilder ab, die das touristisch propagierte Traumbild der Stadt konterkarieren und das alltägliche Venedig sichtbar werden lassen.

Auch wenn es im Film nicht explizit thematisiert wird, so legt doch der Titel nah, daß das Schicksal Venedigs beileibe kein Einzelfall ist, wenn auch ein besonders prominenter. Ähnliche Tendenzen lassen sich schließlich selbst in Leipzig beobachten, dessen Innenstadt zunehmend von öden Einkaufszentren, Sterne-Hotels und Erlebnisgastronomie geprägt ist.

[ Dörthe Gromes ]

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