D 2010, 110 min
FSK 0
Verleih: Senator

Genre: Biographie, Historie, Erwachsenwerden

Darsteller: Daniel Brühl, Burghart Klaußner, Justus von Dohnányi, Thomas Thieme, Axel Prahl

Regie: Sebastian Grobler

Kinostart: 24.02.11

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Der ganz große Traum

Von Aufbegehren und bedrohter Männlichkeit

So neu scheint die Story nicht, man kennt sie bereits aus anderen Filmen – ein Lehrer (hier: Konrad Koch) kommt an eine in Reglementarien erstickende Schule (1874, Braunschweig, Deutsches Reich), wo er nach anfänglichen Schwierigkeiten (Ablehnung des Faches Englisch seitens der Kinder, weil alle Engländer „barbarisch“ sind) eine Methode (Fußball) ersinnt, seine Schützlinge doch zu begeistern. Natürlich gegen jeden Widerstand (Vater eines reichen Bengels) und auf die Gefahr eigener Benachteiligung (Entlassung), was erwähnte Rabaukenklasse zu besseren Menschen (echten Individuen) formt.

Wer jetzt „Captain, mein Captain!“-Ausbrüche um die Ecke schielen sieht, darf hingegen beruhigt aufatmen: Natürlich macht die auf Tatsachen beruhende Biographie Konrad Kochs niemals auch bloß den Versuch, Vorhersehbarkeiten und Emotionen am Rande der Tränendrüse zu vermeiden, aber unerträglich klebrig gerät sie zum Glück nur selten. Vorrangig deshalb, weil zwei Autoren neben allem Extrem-Idealismus noch ein Sittenbild auf die Leinwand tupfen, und das im Wortsinne. Denn Anstand hatte Ende des 19. Jahrhunderts bekanntlich oberste Priorität, selbst wenn er häufig mit als typisch deutsch gepriesenen Tugenden wie Disziplin verwechselt und gern auch mal unter Einsatz des Rohrstocks in jugendliche Hirne geprügelt wurde.

Beachtenswert dabei ist die unerwartete Zurückhaltung: Trotz sorgfältiger Ausstattung hat kein Amok laufender Set-Designer durch Krimskrams den Blick aufs Wesentliche verstellt, ungeachtet absolut sehenswerter Kostüme werden Dialoge nicht vom Rascheln teurer Kleider übertönt. Gut, bahnbrechende Neuigkeiten wären zwar auch im gegenteiligen Fall nicht verloren gegangen, aber das Geflecht aus Standesdünkel, noch zu findender Selbstbestimmung unter Heranwachsenden, Aufbegehren gegen verkrustete Konventionen und – damals wohl besonders hart – der vom Wahlrecht für Frauen bedrohten teutonischen Männlichkeit weiß sich ohne Längen zum Mosaik zu fügen.

Wie das Ganze endet, lehrt nun schon die Geschichte, seit Koch steckt das vormals völlig unbekannte (heiteres Zitat) „weibische Getrete“ namens Fußball ebenfalls fest verankert im deutschen Fundament. Sieht man jedoch den Weg als Ziel an, bleibt festzuhalten: Das Ergebnis funktioniert, auf diese rührend weltfremde Art, welche man naiv finden darf, indes nicht muß. Alle für einen ...

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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