Originaltitel: SNOW FLOWER AND THE SECRET FAN

China/USA 2011, 104 min
FSK 6
Verleih: Senator

Genre: Drama, Literaturverfilmung

Darsteller: Gianna Jun, Bingbing Li

Regie: Wayne Wang

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Der Seidenfächer

Zwei seelenverwandte Freundinnen

Wie gut, daß es Geheimschriften gibt. Im China des 19. Jahrhunderts schreiben sich zwei Frauen, die in sehr unterschiedlichen Verhältnissen leben, heimliche Botschaften, verfaßt in der Frauengeheimschrift Nu Shu auf den Falten, oder sollte man sagen: auf den Flügeln eines Fächers. Sie sind Laotongs, Schwestern im Geiste, geboren am selben Tag, verbunden auf ewig. Nur frei sind sie nicht. Dafür stehen sinnbildlich ihre Lotusfüße. Dem Schönheitsideal entsprechend wurden sie ihnen als Kinder abgeschnürt und klein gehalten.

Das ist bereits eine recht dramatische Anlage. Doch die Geschichte ist noch viel ambitionierter: Die Freundschaft zwischen Snow Flower und Lily spiegelt sich im schnellebigen China von heute, in der Freundschaft zwischen Nina und Sophia, auch sie Schwestern im Geiste. Durch eine Doppelbesetzung entsteht das Gefühl einer Wiedergeburt. Zusätzlich beginnen Nina und Sophia in der Rahmenhandlung, sich für ihre historischen Vorbilder zu interessieren. Und spätestens da geraten wir in den Bereich der Lehrstunde.

Wir verstehen: Da, wo einst unbedingter Gehorsam gegen Mann und Familie der Frau jegliches selbstbestimmtes Leben und Lieben, ja selbst eine echte Freundschaft von Grund auf verbot, ist die neue unabhängige Frau dem Diktat der Karriere unterworfen, ebenfalls im Sinne der Familie. Die Sorge um den sozialen Abstieg ist in beiden Fällen gleich präsent. Wir sehen das postmoderne China, symbolisiert durch die Wolkenkratzer Shanghais, das immer noch im premodernen China verwurzelt und gleichzeitig von seiner Tradition entfremdet ist. Das sind in der Tat große, existentielle Konflikte. Aber wird man ihnen gerecht, wenn man sie dermaßen auftafelt?

Die Literaturverfilmung gerät dem preisgekrönten chinesisch-amerikanischen Regisseur Wayne Wang zur Diashow. Wie weit entfernt ist das von der Leichtigkeit eines SMOKE oder BLUE IN THE FACE. Der Wille zum Drama und zur Bedeutung verdrängt die Zwischentöne fast komplett. Der übertriebene Musikeinsatz baut (wie so oft) endgültig eine Wand auf zum Innenleben der Heldinnen. Einzig in der Ausstattung ist hier noch Fingerspitzengefühl zu spüren.

Die spannende Frage, wie sich eine lebenslange Freundschaft konstituiert, und was man für sie tun muß, hätte ein schöner Leitfaden sein können. Dafür müßte man die beiden Paralellfreundschaften aber auch nachempfinden können.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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