D 2018, 91 min
FSK 6
Verleih: Constantin

Genre: Komödie

Darsteller: Florian David Fitz, Christoph Maria Herbst, Justus von Dohnànyi, Iris Berben, Caroline Peters

Regie: Sönke Wortmann

Kinostart: 18.10.18

8 Bewertungen

Der Vorname

Großartige Attacke auf die Kordhosengemütlichkeit

Unter jedem Dach ein Ach! So altbacken der Spruch anmutet, so wahrhaftig ist er nun mal, denn wenn Familie zusammenkommt, reiben sich nicht selten Egos, fliegen die Fetzen, geht schon bald jede Contenance baden. Ausgerechnet dann, wenn Zusammenhalt, Solidarität, Liebe und Geborgenheit herrschen sollten, übernehmen viel zu oft Neid, Prahlerei und Gezänk. Keine Frage, exzellenter Streit scheint untrennbar mit familiären Zusammenkünften verbunden. Aus dieser Sachlage läßt sich indes wunderbar komisch erzählen, entsteht der beste Witz doch noch immer eher aus den Schlagschatten unseres Benehmens.

Und Sönke Wortmann ist der richtige Mann für einen solchen Stoff, das hat er mit FRAU MÜLLER MUSS WEG! bewiesen, wobei Wortmann an sich nichts mehr beweisen muß. Und um es vorwegzunehmen, weil einige Parallelen in Aktion und Struktur deutlich sind: DER VORNAME ist um Längen besser, um ein Vielfaches bissiger, im Witz trefflicher und in der Spielwut seiner Schauspieler überzeugender als es einst DER GOTT DES GEMETZELS war. Doch was liefert nun den Anstoß für einen gehörigen Familienkrach, einen pointiert, hinterfotzig und bissig gehaltenen Schlagabtausch unter Geschwistern und Freunden der Familie? Nun, der Titel verrät es bereits, doch handelt es sich um den noch zu gebenden Namen eines Ungeborenen.

Wer entspannt genug ist, könnte meinen, daß Adolf ein ganz normaler Name ist. Wer jedoch den ganzen Tag und dauerzitierend in historischen Sphären wandelt, seine Geschichtsstudenten europaweit mit den immer gleichen Witzeleien spärlich amüsiert, sich allzu oft gefällig das Doktorenbäuchlein streichelt, selbst wenn man an der eigenen Dissertation nur am Rande mitgewirkt hat, wer sich also so richtig schön eingerichtet hat in seiner verlogenen Kordhosengemütlichkeit, der kann sich ob des gewählten Namens Adolf schon mal kräftig empören. Womit wir bei Stephan sind, Geschichtsprofessor, Krämerseele und Empörbürger. Der kommt nämlich gar nicht klar, daß sein Schwager Thomas, ein ausgewiesener Schnösel, der in Immobilien und Finanzen macht und mit seinem SUV ohnehin die Stephanschen Spießerglöckchen läuten läßt, diesen historisch arg belasteten Namen für den Nachwuchs wählen möchte. Gerade heute, gerade in AfD-Pegida-Chemnitz-Zeiten. Thomas hält mit denselben Argumenten entgegen – gerade heute, gerade in diesen Zeiten.

Wortmann entspinnt einen Familienstreit der köstlichsten Art, wunderbar die pfeilscharfen Attacken und Repliken, großartig, wie Wortmann Unzulänglichkeiten jedweder Art herausziseliert, wozu bei Stephan, dem ach so weltgewandten und in allen Bescheiden sattelfesten Connaisseur, gehört, daß er Edelweinetiketten mit Wasser löst, um sie bei seinem Billo-Wein vom Aldi draufzupappen. Entlarvt werden Großmannssüchte und Kleinleute-Attitüden, gutbürgerliche Gönnerhaftigkeit rutscht genauso souffléartig zusammen wie dieses etwas eklig ausgestellte Aneckergehabe. Und mit Verlaub: Adolf geht gar nicht, aber warum sollte man seine Kinder, wie Stephan und Ehefrau Elisabeth es taten, ungestraft Antigone und Caius nennen? Eben!

Es geht um Eitelkeit und Selbstbehauptungswahn der Moderne, und Wortmann strickt daraus einen brüllkomischen und perfekt besetzten Schwank fürs Kino, der dafür sorgt, daß wir uns wie Bolle amüsieren, den Streithähnen schon mal der falsche Bordeaux im Halse kratzt, und die im Kino viel zu selten eingesetzte Caroline Peters ein Solo kriegt, das einem Showdown gleichkommt und dem Schauspielnachwuchs zur Pflichtansicht verpaßt werden sollte.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Lesezeichen:

Der Vorname ab heute im Kino in Leipzig

4 Meinungen zur Rezension oder zum Film

[ 16.10.18, 21:10:41 – michael eckhardt ]
lieber nikita,

weil der film erst offiziell starten muß :) das ist am donnerstag der fall.

liebe grüße
micha

[ 16.10.18, 07:11:50 – Nikita ]
Hallo Michael, wieso kann ich den Film nicht bewerten? Dieser Button wird nicht angezeigt.

[ 03.10.18, 11:35:15 – michael eckhardt ]
lieber tintin-daniel,

ich finde die französische verfilmung ja auch toll, spielte in meiner rezension zum kommenden deutschen kinohit schon deswegen keine rolle, weil das original in deutschland zum einen kaum einer gesehen hat, und zum anderen sönke wortmanns film zwar nahe dran ist, sich aber eben durch besetzung und noch schärferen witz doch komplett emanzipiert. seine version braucht keinen vergleich :) viel spaß auf jeden fall ab 18. oktober im kino wünscht micha vom PLAYER

[ 02.10.18, 21:18:35 – Tintin ]
Mir fehlt in der Rezension ja ein Verweis auf die tolle französische Verfilmung mit dem gleichen deutschen Titel bzw. "Le Prénom" im Original, aus dem Jahre 2012.




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