D 2011, 76 min
FSK 12
Verleih: Missing Films

Genre: Experimentalfilm, Schwul-Lesbisch, Tragikomödie

Darsteller: Heiko Pinkowski, Ruth Bickelhaupt, Peter Trabner

Regie: Axel Ranisch

Kinostart: 22.11.12

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Dicke Mädchen

Zwanglos, frei, dilettantisch

Die Bilder sind gern unscharf. Personen oft so gegen das Licht fotografiert, daß es Konturen und Nuancen zur Schattenfläche breitklopft. Nicht selten ist irgendwelcher Siff auf der Linse und zittert die MiniDV-Kamera im Rhythmus unruhigen Atmens. Ein externes Mikro scheint beim Dreh nicht zum Einsatz gekommen zu sein. Die Tonspur knautscht und hallt wie ein Tape auf einem DDR-Mono-Recorder zu Beginn der 80er. Und das also soll Film sein? Kino gar?

DICKE MÄDCHEN ist eine Unverschämtheit. Und imponierend. Eine formale Zumutung, die nervt und gegen die man sich sträubt. Und die dann doch verlockt, sich darauf einzulassen. Weil hier etwas waltet, das man vielleicht als Befreiungsschlag bezeichnen kann – womit dann auch das Wie dieses Erzählens mit dem korrespondiert, was hier erzählt wird: Sven lebt mit seiner dementen Mutter Edeltraud in einer Neubauwohnung. Geht der Sohn zur Arbeit, kümmert sich Daniel um die alte Frau. Wäscht sie, macht mit ihr Spaziergänge, putzt die Fenster. Tanzt mit ihr Walzer. Doch eines Tages paßt Daniel nicht auf. Edeltraud büxt aus, bald gesucht von den beiden Männern, die sich dabei nicht nur in ihrer Sorge näherkommen.

Regisseur Axel Ranisch erzählt mit dem totalen Minimum an Mitteln und lediglich drei Hauptdarstellern eine Geschichte, die Trash, Drama, Komödie, Liebesfilm im Sud des Independent-Films kocht und dabei etwas schafft, was es in dieser radikalen Form kaum noch gibt: Einen Independent-Film, der diesen Namen verdient. Ob und wie weit hier dabei die formale Unzulänglichkeit Konzept oder Nichtkönnen ist, wird im Lauf der Handlung zunehmend zur Nebensache, sprechen doch die Szenen, die DICKE MÄDCHEN zeigt, für sich. Ganz direkt, ganz – man muß dieses Wort benutzen – ehrlich sind die. Da ist nie jenes eitel kokettierende Wir-trauen-uns-was spürbar. Auch nicht, wenn der dicke Sven nackt und lasziv vor der Anbauwand tanzt. Ravels „Bolero“ auf den Kopfhörern. Auch nicht, wenn der nicht minder dicke Daniel, ein verheirateter Mann mit Kind, empfänglich wird für das nicht wirklich subtile Werben Svens. Und nicht mal dann, wenn nach einer schrägen Dreier-Kostümparty Edeltraud tot im Bett liegen wird. Womit die Geschichte indes noch nicht zu Ende ist.

Von welchen Zwängen sich dieser Film befreit und von welchen seine Figuren, macht in Kombination den Reiz von DICKE MÄDCHEN aus. Schwer zu sagen, ob dieses Stück Anti-Kino diesen Reiz behielte, würde es mehr Kino sein.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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