Originaltitel: LA SOLITUDINE DEI NUMERI PRIMI

I/D/F 2010, 118 min
FSK 12
Verleih: NFP

Genre: Drama

Darsteller: Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Maurizio Donadoni, Isabella Rossellini

Regie: Saverio Costanzo

Kinostart: 25.08.11

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Die Einsamkeit der Primzahlen

Drei und Fünf und dann?

Verbindet Primzahlzwillinge mehr als eine regelmäßige Differenz? Ist wirklich auszuschließen, daß Parallelen einander schneiden? Und wie, auf zwei Leben übertragen, könnte sich das anfühlen? Mit solchen Teilaspekten einer Art Pathomathematik debütierte der junge Physikdoktorand Paolo Giordano 2008 als Romancier und eroberte fast im Handstreich eine Millionenleserschaft. Doch obwohl Literaturkritiker dem Buch eine veritable Kinoästhetik attestierten, bleibt die Probe aufs Exempel wie immer ein Wagnis – latent gefährdet, den Ton nicht zu treffen, die falschen Gesichter zu materialisieren.

Erzählt werden die Leidensgeschichten von Alice und Mattia: Sie gezeichnet von den seelischen und körperlichen Verletzungen eines Skiunfalls, den der Vater durch sein Drängen forcierte. Er belastet von der Schuld am Tod seiner geistig behinderten Schwester, die ihm einmal mehr von den Eltern anvertraut war. Die Schatten der jeweils prägenden Kindheitsereignisse reichen bis ins Erwachsenenalter, beschweren, ja verhindern den Kontakt zu anderen. Als sich Alice und Mattia endlich begegnen, auf dem Schulflur wie magisch voneinander angezogen, scheint für kurze Zeit ein Versprechen von Trost oder wenigstens Beistand in der Luft zu liegen. Doch die Jahre vergehen, ohne Heilung zu bringen. Stattdessen entwickeln beide immer ausgefeiltere Techniken der Verdrängung und Selbstbestrafung.

Saverio Costanzo, Locarno-Gewinner von 2004, geht das Risiko ein, eine eigengesetzliche poetische Welt für Giordanos verschwisterte Doppelbiographie zu etablieren. Für die Parallelität der zwei Leben, die sich berühren, ohne ineinander aufzugehen, erfindet er eine komplexe, stellenweise entfesselte szenische Struktur, die manchmal zu zerreißen droht. Ebenso verlangt der beständige Wechsel von Zeit- und Stimmungsfarben, von Flüstern und Schreien, von emotionaler Sparsamkeit und aufbrausendem Pathos mindestens Aufmerksamkeit, wenn nicht gar Konzentration.

Wer all die Seh- und Gedankenarbeit nicht scheut, ist zum Ertasten einer seltsam faszinierenden Atmosphäre eingeladen. Sie erinnert an die beängstigend kristalline Luft in den frühen Filmen von Alejandro Amenábar. Oder an Alpträume von Irrläufen auf Rasierklingen.

[ Sylvia Görke ]

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