Originaltitel: LA BELLE ÉPOQUE

F 2019, 116 min
FSK 12
Verleih: Constantin

Genre: Liebe, Tragikomödie

Darsteller: Daniel Auteuil, Guillaume Canet, Fanny Ardant, Doria Tillier, Pierre Arditi

Regie: Nicolas Bedos

Kinostart: 28.11.19

7 Bewertungen

Die schönste Zeit unseres Lebens

Drei phänomenale Passagiere auf fulminanter Reise zurück in die Zukunft

Bedauern Sie eigentlich auch, wie wenige romantische Filme Splattereffekte nutzen? Nun, vorliegender fährt gleich zu Beginn einen glibberigen solchen auf, und egal, ob da das Horrorherz motiviert pocht oder es die empfindsame Seele angeekelt graust: Eine gängige Schnulze wird das vermutlich kaum. Stimmt!

Schon die Story punktet, blendet einst gestrauchelte, allein durch männliche Rettung zur Weiterexistenz befähigte Frauen oder geplagte Teens aus, ein normales Paar lädt in seine wackelnden vier Wände: La Stupenda Fanny Ardant hackt mit bekannt glühendem Blick dick wabernden Zigarettenrauch in kleine Wölkchen und hat, hier Marianne benannt, die Nase gestrichen voll, Gatte Victor nervt. Er, im Körper Daniel Auteuils, früher bejubelter Cartoonist, signiert heute zur Klolektüre dienende Bücher, hegt den Starrsinn, verbreitet permanent schlechte Laune. Marianne greift zur endgültigen Gegenmaßnahme, sprich Rausschmiß.

Guter Rat ist teuer, ebenso die nahende Hilfe; eine Firma bietet betuchten Kunden an, jeden beliebigen Punkt in der Vergangenheit anzusteuern, professionelle Darsteller, Kulissen, Kostüme inklusive (was zu einigen lässigen Begleit-Gags führt, wenn aufwendig zurechtgepuderte Hofdamen Verschnaufpausen am Handy verbringen, Hitler eine schallende Ohrfeige fängt). Victor nickt’s im Eh-nix-zu-verlieren-Modus ab, wählt zum Reiseziel den 16.5.1974 in einem verqualmten Café, wo die erste Begegnung zwischen Marianne und ihm geschah. Eine in heißblütiger Leidenschaft lodernde Aktrice namens Margot – Doria Tillier reißt sie an sich und schlicht hin – übernimmt die Hauptrolle, Victors eisig dornröschenschlafende Gefühle tanzen plötzlich Tango …

Jetzt passiert vieles parallel, ohne konkurrierende Reibungen: Generell funkelt luftiges Komödienkino, dessen legerer Grundton regelmäßig das Komikzentrum treffende Spitzen abfeuert, vom Hintermann in den Nacken geprusteter Speichel garantiert. Dennoch bitte nicht gar zu laut lachen, es wäre jammerschade, bloß eine einzige der ins Drehbuch eingeschliffenen Doppelbödigkeiten zu verpassen: „Die großen Lieben spielst Du sehr gut.“ Späterhin steht dann nie billige Rührung dem Humor zur Seite, eine geradezu symbiotische Verbindung, unaufdringlich zurückgenommen, die große Show gehört stets den manchmal verletzlichen, häufiger indes ungebremst vom Leder ziehenden Damen (deutliche Ansagen werden gemacht!). Und an Hingabe-Wahnsinn grenzender Ausstattung, stellenweise scheint ein Theaterfundus explodiert, die Druckwelle muß den ausgestopften Vogel hinterm Tresen plaziert haben.

Vorrangig aber gelingt das träumerische Kunststück einer keinen Augenblick unaufrichtigen oder gar glitschig zusammengepanschten Liebeserklärung an die Liebe selbst. Letztere wird ja tagtäglich praktisch schnöde verramscht, im omnipräsenten Mantel zeitvertreibender Wartezimmerillustrierten oder sich inflationär anwanzender Trällerei aus Massenproduktion, ein umsatzträchtiges Gebrauchsgut statt schwer zu erklimmender Gipfel menschlicher Emotionen. Entschlossen gegenbewegend wirken Ardant, Tillier und Kollegen wahres Hexenwerk weißer Magie – indem identifikationsträchtige Figuren von der Leinwand steigen, ihre Zuschauer dazu auffordern, nachfolgend Erinnerungs-Schatztruhen zu öffnen.

Dabei höchst Wertvolles, vielleicht etwas übervorsichtig weggeschlossen und zu sorgsam gehütet, deswegen im routinierten Fortgang gemeinsamer Jahre leicht angelaufen, mit einem final nicht ganz unterstützungsfrei zu Boden schwebenden Tuch auf neuen alten Hochglanz zu polieren: „Sag’ mal, an dem Abend, als wir uns kennenlernten, da war doch …“

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

Lesezeichen:

Die schönste Zeit unseres Lebens ab heute im Kino in Leipzig

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