D 2016, 84 min
FSK 6
Verleih: Eigenverleih

Genre: Dokumentation

Regie: Andreas Wilcke

Kinostart: 08.09.16

1 Bewertung

Die Stadt als Beute

Metropolen-Metamorphose

Ach, Berlin, Du alte Tante. Hotspot deutscher Geschichte, wo sogar Marlene, trotz allem, noch einen Koffer aufbewahrte; in dieser Stadt, die man, etwa mit der inzwischen ja auch schon eher alten Tante Nina Hagen, so schön haßlieben konnte als „tote Stadt mit Stacheldraht auf weißen Zäunen“, so „alt und voll Gewalt“ und fragend „wo sind sie hin, ja, wo sind sie hin/die schönen Zeiten?“ Die Berlin indes ja irgendwie nie so richtig hatte, durch die Jahrhunderte hinweg.

Ist natürlich heute alles anders. Nichts mehr mit böser Historie und toter Stadt – Megacity ist angesagt. Alles und jeden zieht es inzwischen nach Berlin. Schwaben und Österreicher sind da nur die gut und gern parodierbare Spitze eines Eisbergs, ob dem manch’ Ur-Berliner Schnauze selbige schon voll hat. Der Zuzug aus der kleinen deutschen und der großen weiten Welt nach Berlin ist immens, und das Schlagwort von der Gentrifizierung läßt sich hier geradezu exemplarisch durchdeklinieren.

Genau das macht dann auch Andreas Wilckes DIE STADT ALS BEUTE. Eine Dokumentation, die vier Jahre lang aus der Berliner Innenschau eine Metropolen-Metamorphose beobachtete, an deren Ende Berlin, weil alle nach Berlin ziehen, nicht mehr das Berlin sein wird, wegen dem alle nach Berlin ziehen.

Was wiederum jenen Männern, also diesen typischen Vertretern der effizienten Kapitalvermehrung, die auch in Wilckes Doku in der ihnen eigenen Mischung aus servil, pragmatisch und gierig über Grundstückspreiskurven, Immobilienwertexplosionen und den Lauf der Zeit sinnieren („Wir können ja nicht an den Schwächsten der Gesellschaft ausrichten, wie sich eine Stadt entwickeln soll!“), ziemlich wurscht sein dürfte. Denn die salbadernden Checker und sprachlosen Verzweifelten, die Wut und die Kaltschnäuzigkeit, die Vermieter und die Mieter, die Stadtplaner und die Manipulatoren, der Slogan „Kiez statt Kies“ und die „Wandel ist kein Programm, sondern ein Prinzip“-Erkenntnis: Ob man will oder nicht, alles und alle rotieren in diesem Hamsterrad, nennen wir es „Lauf der Welt“ oder eben Gentrifizierung. Daß einem dieses Hamsterrad mal gehörig um die Ohren fliegen könnte, ist die leise insistierende Ahnung, die Wilckes Doku evoziert. Dafür muß DIE STADT ALS BEUTE weder Komplexitäten wegsimplifizieren, noch parteiisch sein (auch wenn Sympathien klar erkennbar sind). Es reicht einfaches Hinschauen und Zuhören.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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