Originaltitel: BRIDGEND

DK/GB 2015, 104 min
Verleih: Eksystent

Genre: Drama

Darsteller: Hannah Murray, Josh O`Connor, Adrian Rawlins, Patricia Potter, Nia Roberts, Steven Waddington

Regie: Jeppe Rønde

Kinostart: 10.12.15

1 Bewertung

Dorf der verlorenen Jugend

Wer ist der nächste?

Regengetränkte Wolken hängen tief in grüngelb gefärbten Baumwipfeln. Nur wenige Sonnenstrahlen schaffen es durch das dunkle Blätterdickicht bis auf den feuchtkalten Waldboden. Mit wunderschön komponierten Naturaufnahmen beschreibt Regisseur Jeppe Rønde den Ort des Geschehens: Bridgend. Hin und wieder streift ein Hund durch die menschenleeren Wälder rund um das 20.000-Seelen-Kaff an der Südküste von Wales. Zwischendurch dann hängt ein Mensch an einem Ast, den Blick starr ins Nichts gerichtet. Es ist ein seltsamer Kontrast: der Freitod inmitten der Schönheit dieser rauhen Natur.

Das, was diesen Ort so bedeutsam macht, sind nicht seine idyllischen roten Backsteinhäuser oder die typisch englische Tristesse, sondern die Tatsache, daß sich hier zwischen 2007 und 2012 79 Menschen das Leben nahmen – meist Jugendliche, ohne Abschiedsbrief oder Erklärung. Es ist eine grausame Bestandsaufnahme.

Für die filmische Umsetzung reiste Rønde nach Bridgend und sprach mit Jugendlichen, die Suizidversuche überlebten – oder später starben. In den Mittelpunkt stellt er Sara, die mit ihrem Vater nach Bridgend zieht. Er soll als neuer Polizeichef die Tötungen stoppen.

Doch trotz dieses aufklärerischen Ansatzes liefert der Film kaum Antworten. Vielmehr zeigt Rønde das Leben der Jugendlichen in ungeschönten, rauhen Bildern: Sie sind eine eingeschworene Gruppe, die nackt im kalten See schwimmt, sich mit Alkohol zuschüttet und gemeinsam die Namen der Toten in den Himmel schreit. All das hat stets etwas Aggressives und Heroisches. Allein die Beziehung zwischen Sara und Jamie weist Zartheiten auf. Sie verlieben sich still ineinander, und es ist schön, mit anzusehen, wie sie das ungeahnte Glück genießen und sich fragen, was hier eigentlich los ist. „Was ist mit Deinen Eltern?“, fragt Sara. „Sprichst du etwa mit Deinen?“, fragt er zurück.

Es scheint, als haben die Generationen an diesem Ort den Kontakt zueinander verloren. Als einmal der Pfarrer zu einem Saufgelage dazustößt und das Gespräch anbietet, wird er fortgescheucht. Vielmehr fungiert die ausweglose Leere als Projektionsfläche, keiner wehrt sich gegen den Todeskult: „Wer ist der nächste?“, wird in sozialen Netzwerken gefragt. Das macht richtig wütend, spiegelt am Ende aber die Tragik, wenn die Bedürfnisse derer, die ihr Leben noch vor sich haben, unerfüllt bleiben. Welche auch immer das sein mögen.

[ Claudia Euen ]

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