D 2016, 95 min
FSK 0
Verleih: Artvid

Genre: Dokumentation

Regie: Kerim Kortel

Kinostart: 09.03.17

1 Bewertung

Drei von Sinnen

Gar nicht affiger Freundschaftstest

Bart, David und Jakob sind zu Beginn des Films Freunde und haben eine wahlweise dämliche, geniale oder spontan keinerlei Bewertung erlaubende Idee – als Kenner des Bildes der drei Affen wollen sie selbiges beim Reisen an die französische Atlantikküste zum Leitmotiv machen. Heißt: Einer der drei Jungs erblindet temporär (zweckentfremdete Okklusionspflaster helfen), einer wird akustisch von der Außenwelt abgeschnitten, und der letzte hält eben seinen Mund. Nach sieben Tagen dann der Wechsel, drei Wochen läuft das Experiment gesamt.

Rekapitulieren wir das: Drei Menschen verpassen sich willentlich ein vorübergehendes Handicap, jeder ist gleichzeitig Unterstützer für die anderen beiden und selbst auf deren Hilfe angewiesen, weil eines Sinnes beraubt, dadurch auf differierende Weise isoliert. Und trotzdem nie für sich, sondern ohne Erholungspause ständig geforderter Mediator. Eine faszinierende Ausgangssituation, was indes nicht jeder unterwegs getroffene Mitmensch adäquat sieht; von stoischem Hinnehmen bis zur offenen Verständnislosigkeit reichen die Reaktionen.

Es bleibt kaum Zeit, seine eigene Sicht mittendrin zu verorten, denn bereits Tag 4 stellt das Trio vor nötige Konfliktbewältigung. Mißverständnisse gewinnen an Bedeutung, sicher unabdingbare Zickereien nehmen divöse Züge an, wieder mal läßt die Essensfrage Abgründe aufbrechen, besonders Jakob leidet darunter, daß der Küchenmeister Schmalhans heißt. Allen Bemühungen zum Trotz kommt’s zur echten Krise. Ob Bart, David und Jakob am Ende des Films immer noch Freunde sind? Es lohnt, sich diese Frage nach – auf mehreren Bedeutungsebenen – wortwörtlich mitnehmenden anderthalb Stunden beantworten zu lassen.

Bis dato halten ernste Themen und heitere Momente einander im Gleichgewicht, fließen nach der ersten erfolgreich absolvierten Woche Tränen, amüsiert die Legende vom erotisch geladenen Wetterhahn oder wird nicht von der Hand zu weisen konstatiert: „Die sind wirklich komisch, diese Deutschen.“ Nebenbei, quasi automatisch: Grenzüberschreitungen, Selbstreflexionen, veränderte Wahrnehmungen.

Da übersieht man gern die ziemlich schnöden, eher an TV-Standards angelehnten Bilder, hört kaum der launigen Musik zu, ist tatsächlich gefangen von einer einfachen Idee, welche als Basis einer aus inszenatorischem Blickwinkel nicht gerade überwältigend komplexen, inhaltlich jedoch ganz und gar nicht simpel gestrickten Doku dient.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

Lesezeichen:

1 Meinung zur Rezension oder zum Film

[ 13.03.17, 22:33:41 – Sascha ]
Vielen Dank für diese überaus differenzierte, eigenständige und launige Filmkritik! Ehrliches Kompliment...




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