D/Griechenland 2015, 100 min
FSK 12
Verleih: Wild Bunch

Genre: Drama

Darsteller: Jördis Triebel, Chara Mata Giannatou

Regie: Christian Zübert

Kinostart: 28.01.16

2 Bewertungen

Ein Atem

Verzweiflung und wachsende Klüfte in einem bestechenden, klug kommentierenden Drama

Elena, eine junge, lebenslustige Griechin, hat genug von der Misere in ihrer Heimat. Genug davon, mit ihrem Freund in dessen Kinderzimmer zu leben, weil sie sich von ihren mageren Gehältern keine eigene Wohnung leisten können. Kinder schon gar nicht. Also bricht Elena nach Deutschland auf, um dort in einer Bar zu arbeiten. Doch aus dem Barjob wird nichts, denn sie ist ungewollt schwanger. Aus der Not heraus nimmt Elena eine Anstellung als Kindermädchen bei einer deutschen Familie an. Bei denen ist das Kind das i-Tüpfelchen im High-End-Leben. Sonderlich glücklich wirken sie trotzdem nicht.

Mutter Tessa hat genaue Vorstellungen, was gut und was schlecht ist für ihre Tochter Lotte: ein minutiöser Tagesplan, selbst gekochtes Bioessen und höchstens ein Stück Süßigkeit am Tag. Schnell wachsen die Dinge der unerfahrenen Elena über den Kopf – ihre prekäre Lage, das Kind in ihrem Bauch, dazu das quengelige kleine Mädchen. In einem hektischen Moment verliert sie ihren Schützling aus den Augen. In Panik flieht Elena zurück nach Athen. Tessa, die überzeugt ist, Elena habe ihre Tochter entführt, folgt ihr voller Wut und Verzweiflung.

An diesem Punkt wechselt der Film überraschend die Perspektive. Wurde anfangs aus der Sicht Elenas erzählt, trägt nun Tessa die Handlung. Das ist ein bestechender Schachzug von Regisseur Christian Zübert, der EIN ATEM zu einem der intelligentesten und packendsten Filme des Winters macht. Der Film verweigert eine eindeutige Parteinahme für seine ambivalenten Figuren. Ist der Zuschauer anfangs ganz auf Elenas Seite, bringt er in der zweiten Hälfte auch für die eher unsympathische Karrierefrau Tessa Empathie auf. Das ist vor allem der phantastischen Leistung von Darstellerin Jördis Triebel geschuldet.

Beide Frauen sind zwar Opfer ihrer Lebensumstände, hinterfragen sie jedoch auch nicht. Sie reiben sich auf zwischen den Ansprüchen, die sie selbst an das Leben stellen und die von ihrer Umwelt an sie gestellt werden – und den damit verbundenen Schuldgefühlen, weil sie daran scheitern. Bei Tessa ist es die klassische Falle der modernen Frau: Sie will eine erfolgreiche Karriere und trotzdem Kinder. In einer Szene sagt sie zu Elena: „Während der Zeit zu Hause habe ich mich gelangweilt und konnte es nicht erwarten, wieder arbeiten zu gehen. Doch jetzt frage ich mich ständig: Sollte ich nicht eigentlich bei meiner Tochter sein?“

Und Elena, die sich ebenfalls als emanzipierte Frau versteht, knallt ihrem Freund an den Kopf: „Ich hätte nicht gehen müssen, wenn Du für mich gesorgt hättest.“ Unter dieser Belastung schalten beide Frauen irgendwann auf Autopilot und sind auch für ihre Männer nicht mehr erreichbar, die ohnehin nur eine Nebenrolle spielen. Und ihre Kinder geraten dabei zwangsläufig unter die Räder. Elena und Tessa stehen auch stellvertretend für die derzeit komplizierte Beziehung zwischen Griechenland und Deutschland. Existenznöte versus Wohlstandsprobleme, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd.

EIN ATEM bietet für dieses Dilemma keine Lösung an, allenfalls einen klugen Kommentar: Tessa ist so sozialisiert, daß sich alles über Geld regeln läßt. Aus ihrer Sicht ist alles nur eine Frage des Preises. In Griechenland hilft ihr das Geld jedoch auf einmal nicht weiter, ganz im Gegenteil. Wirklich hilfreich ist erst ein deutsch-griechischer Dolmetscher, und nicht, weil sie ihn bezahlt, sondern weil er die große Not in ihr erkennt.

[ Dörthe Gromes ]

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