Originaltitel: SAGE FEMME

F/Belgien 2016, 117 min
FSK 6
Verleih: Universum

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Catherine Deneuve, Catherine Frot, Olivier Gourmet, Mylène Demongeot

Regie: Martin Provost

Kinostart: 08.06.17

15 Bewertungen

Ein Kuß von Béatrice

Lebenskluge Spiegelung vom Kommen und Gehen mit zwei unschlagbaren Catherines

Sollte man spontan eine Schauspielerin nennen, der man wohl ewig zuschauen möchte, die vom ersten Filmmoment an die gesamte Leinwand in Beschlag nehmen kann und dies auch genußvoll tut, die in der Lage ist, von mondän auf Werkhalle zu schalten, die komisch und ernst kann, die in Trainingsjacke und im Pelz gleichermaßen Eleganz ausstrahlt – man käme nur auf diese: Catherine Deneuve. Um zu verstehen, was La Deneuve so außergewöhnlich macht, seit fünf Jahrzehnten wohlgemerkt, reicht der Blick in das Gesicht der von ihr hier gespielten Béatrice, als Claire ihr sagt, sie trinke nicht. Und Fleisch esse sie sowieso keines. Entsetzen, Ohnmacht, Spott und komplette Verständnislosigkeit – dafür braucht Catherine, die Große, nur einen einzigen Blick! Und die andere Catherine, La Frot nämlich, die in diesem hinreißenden Film übers Verzeihen, Annähern und Wiedergutmachen die ganz in ihrem Beruf einer Hebamme aufgehende Claire gibt, weiß in ihrer eigenen Spielwut, die sich übers Understatement definiert, bestens damit umzugehen.

Doch der Reihe nach: Auf diesen Anruf hatte Claire eher nicht gewartet: Béatrice spricht auf den AB, ein Treffen steht an. Claire bleibt erst einmal auf Abstand. Vorwürfe, Schuldzuweisungen und eine immense Wut stehen im Raum – ist Béatrice doch die letzte Frau von Claires Vater, bevor dieser sich nach der Trennung durch Béatrice umbrachte.

Vom Abschiednehmen erzählt Martin Provost in EIN KUSS VON BÉATRICE. Er tut dies gottlob nicht als knöchernes Drama, Provost konzentriert sich auf die Annäherung der zwei gegensätzlichen Frauen mit ungeheurem Witz, in ausreichender Skizzierung von Milieus zwischen Stuckrelief und Plattenbau, zwischen verrauchter Spielerbude und Entbindungssaal, und er kann seinem eigenen Drehbuch bestens vertrauen – ausbalanciert in einer Melange aus verbalen Giftpfeilen und Momenten anrührender Nächstenliebe. Béatrice nämlich ist schwer krank, und es hat aus dem Mund der eben auch hier wieder einnehmenden Catherine Deneuve mindestens einen doppelten Boden, wenn sie trotzig, kämpferisch und auch augenzwinkernd einfordert: „Je veux vivre!“ Dazu paßt perfekt, daß die elegante Frau im Leopardenimitat mit Vorliebe für die schönen Chansons von Serge Reggiani eine recht saloppe Beerdigung wünscht: „Pack’ mich in einen Müllsack und wirf mich in die Seine!“

EIN KUSS VON BÉATRICE ist eine kluge Spiegelung vom Kommen und Gehen, da Claire als Hebamme neuem Leben den Weg bereitet, und Béatrice wohl letzte Schritte gehen wird. Claire wurde von dieser unerwarteten Wiederbegegnung regelrecht heimgesucht, ihre zögerliche Annäherung ist auf Wut und Enttäuschung gegründet, was auch mit eigenen Schatten zu tun hat. Ohne Larmoyanz, fern jeder Sentimentalität, dafür mit herrlicher Komik, die sich bei den Damen auch mal richtig albern entfalten darf, wird von Sühne und Freundschaft erzählt, mancher Verrat vor langer Zeit ist eben auch nur ein Verrat vor langer Zeit, das Leben ist zu kurz fürs Bockigsein.

Und so lernt Claire, die Zurückgenommene, Bescheidene und Spröde, von Beátrice, der Weltfraulichen ohne Knopp in der Tasche, die aus einfachen Verhältnissen kommt, es aber schon drauf hatte, sich als ungarische Prinzessin mit russischen Wurzeln auszugeben, daß unser Dasein eben viel mehr als nur Funktionieren ist. Für zum Niederknien komische Momente ist gesorgt, da sich die Frauen wahrlich nichts schenken. Schon die Begrüßung durch Béatrice: „Du hast schon immer älter ausgesehen!“ Das hört keine gern, und wenn Claire die Avancen eines gewissen Paul ziemlich grob abserviert, hat Béatrice natürlich auch wieder die passenden Worte parat: „Du weißt, wie man mit Männern spricht!“

Provost zeigt manchmal wortlos und oft zwischen den Zeilen auf, daß diese Welt zu kalt ist, um darin allein zu sein. Im Sterben sowieso. Béatrice fürchtet allerdings nicht den Tod, sie hat Angst vor dem Siechen und Alleinsein.

Und nur ganz kurz und ohne zu spoilern: Der deutsche, sehr bedacht und treffend gewählte Titel hat es in sich, denn wir sind ja in einem französischen Film, da gibt es natürlich nicht nur den einen Kuß. Aber mindestens einer wird dafür sorgen, daß Tränen fließen ...

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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