Originaltitel: COEXISTER

F 2017, 89 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Komödie, Satire

Darsteller: Fabrice Eboué, Audrey Lamy, Ramzy Bedia, Jonathan Cohen, Guillaume de Tonquédec

Regie: Fabrice Eboué

Kinostart: 26.07.18

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Ein Lied in Gottes Ohr

… sollte man unbedingt gehört haben

Musikproduzent Nicolas plagt eine mittlere existenzielle Krise, war er doch dämlich genug, sich beim Fremdgehen erwischen zu lassen, was die Gattin mit Scheidungsdrohungen und Kindesentzug quittiert. Außerdem macht die neue Labelchefin deutliche Ansagen: Innerhalb von sechs Monaten steht man an der Chartspitze oder er auf der Straße. Verhandlungsspielraum: negativ.

Hektische Akquise beginnt, Nicolas’ sexuell hyperaktive Assistentin Sabrina ortet potentiell gelingsichere Kandidaten, der ihrerseits wegen offener Schwanzfixierung favorisierte schwule Rapper fällt leider durch, mehr Erfolg verspricht ein dauerdepressiv gitarrenklampfendes Häufchen Elend. Aber halt, der Mann sprang ja gestern aus großer Höhe in den Tod … Korrekt, Feinsinn buchstabiert man anders, komplexen Humor ebenfalls, zum Brüllen komisch ist’s trotzdem. Oder gerade deswegen?

Keine Zeit zum Analysieren, es kommt dicker: Wir lernen einen von Meerwasserspray abhängigen Rabbi namens Samuel kennen, die knüppelharte Droge dient gnädigem Vergessen, denn einst geriet eine Beschneidung zum – visuell unerschrocken aufbereiteten – blutigen Massaker und die gestartete Musikkarriere darob ins Stocken. Andernorts resultiert aus marodem Mauerwerk und muskulösen Tauben kirchliche Demolage, Pfarrer Benoit benötigt dringend Sanierungsgelder. Parallel versucht sich Moncef als Barsänger in einem Etablissement, wo Zigarettenqualm ein geschäftiges Eigenleben führt und resolute Damen umschmeichelt, die Bierflaschen mit ihren Zähnen öffnen. Sind Sie weiter dabei? Es wäre zu hoffen, weil die ganze Sache jetzt erst voll aufdreht: Nicolas modelt Moncef kurzerhand zum falschen Imam um und nimmt alle Drei unter Vertrag; fortan rammelt ein Trio sturer Böcke ungebremst aufeinander.

Sehr angenehm, daß Fabrice Eboué in Trifunktion als Regisseur/Drehbuchautor/Nicolas was vom richtigen Maß versteht, seinen Film nicht verschwafelt aufbläht. Anderthalb Stunden genügen ihm und einer Darstellerschar im entspannten Blödelmodus, Alleinschlafphobie zu diagnostizieren, Samuels Erinnerungen zu lauschen („Ich habe die schönsten Eicheln geschnitten!“) oder Benoit dem Ungemach spärlich bekleideter Frauenhintern, welche am Ornat reiben, auszusetzen. Wunderbar zotig, herrlich doof. Und lediglich Aufwärmstufe für heißere Eisen. 

Sabrinas Zweifel tönen nämlich zutreffend: „Denkst Du nicht, es ist zur Zeit ein bißchen riskant, was über Religion zu machen?“ Tja, am Glauben entzünden sich bekanntlich quasi automatisch die Gemüter, Vorurteile werden bei möglichst lauter Artikulation gleich viel wahrer, momentan erreicht das hohe Schärfegrade. Eboué greift’s auf, markiert die Gürtellinie und haut konsequent mitten rein ins ungeschützte Gemächt: „Ich habe geschlafen wie ein Baby!“ – „Wie oder mit einem?“ Wer nun bereits Schwächeanfälle nahen fühlt, warte den Judenstern-Gag ab …

So muß man angesichts zunehmend verhärteter Fronten, radikaler Gehirnerweichung und bedrohter Menschlichkeit erzählen! Klare Kante, lockerer Rundumschlag, sarkastische Entlarvung zwecks Transport einer natürlich überraschungsfreien, dafür tiefenwirksamen Botschaft von – der Bandname „Coexister“ deutet es an – Koexistenz. Bleibt bloß noch der Wunsch nach Auskopplung des zu ungefährdetem Gehör gebrachten Megahits, Videoclip inklusive. Entsprechende Fragmente, selbstverständlich anbetungswürdig verkitscht und moralapostelnd, kamen schließlich schon zur Ansicht.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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