Originaltitel: UN SAC DE BILLES

F/Kanada/Tschechien 2017, 113 min
FSK 12
Verleih: Weltkino

Genre: Drama, Erwachsenwerden, Literaturverfilmung

Darsteller: Dorian Le Clech, Batyste Fleurial Palmieri, Patrick Bruel, Elsa Zylberstein, Christian Clavier

Regie: Christian Duguay

Kinostart: 17.08.17

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Ein Sack voll Murmeln

Reise durch eiskaltes Land

Der 10jährige Joseph guckt direkt in den Gewehrlauf eines deutschen Soldaten. Dennoch ißt er so unbedarft wie nur möglich seinen Apfel, den ihm kurz zuvor ein Geistlicher zugesteckt hatte, der mit ihm und seinem Bruder im Zug gen Süden sitzt. Die großen Kinderaugen halten dem bösen Blick des Besatzers stand. Der Deutsche zieht ab. „Alle hatten Angst, auch wenn sie sich nichts anmerken ließen“, sagt der ebenfalls erst 10jährige Jojo später und beschreibt damit die Atmosphäre, in der er seine Kindheit verbrachte. Es herrscht Krieg in Frankreich.

Anfang der 40er Jahre lebt Joseph mit seinen Eltern und Brüdern in Paris, und alles ist so wie im Leben eines ganz normalen Kindes, bis die Deutschen kommen: Judenstern, Ausgrenzung und die anschließende Flucht in die unbesetzte Zone. Weil Josephs Eltern eine gemeinsame Reise für zu gefährlich halten, schicken sie die beiden jüngsten Söhne alleine los – durch dieses eiskalt gewordene Land. Niemandem kann man vertrauen. Doch um ihr Leben zu retten, müssen die Brüder das Risiko eingehen. Sie zahlen Geld an Schlepper, die sie durch dunkle Wälder lotsen, oder steigen in Autos mit unbekannten Männern hinterm Steuer.

Und gerade in unserer Zeit, in der Flüchtlingsströme und rassistische Übergriffe an der Tagesordnung sind, ist diese Geschichte aktueller denn je. Klar, es gibt viele Filme, die von den unglaublichen Grausamkeiten erzählen, die die Juden während des Dritten Reiches erleiden mußten. Doch EIN SACK VOLL MURMELN zeigt weniger den politischen Abgrund dahinter, sondern konzentriert sich auf die Spuren der seelischen Verwüstung durch Krieg und Vertreibung.

Autor Joseph Joffo war selbst ein Kind, als er das erlebte. In den 70er Jahren schrieb der Franzose seine Kindheitserinnerungen auf. Das Buch wurde ein Bestseller, in 18 Sprachen übersetzt und nun zum zweiten Mal verfilmt. Regisseur Christian Duguay hat für diese Neuverfilmung sehr gute Kinderdarsteller ausfindig gemacht. Er bleibt mit der Kamera nah an ihnen dran und zeigt, was Gewalt und Auf-der-Flucht-Sein mit einer Kinderseele machen. Neben der ständigen Angst sind es aber auch kleine Funken Freiheit, die die Jungs erleben, während sie über Felder rennen oder auf Berge klettern. Auch wenn die Musik an manchen Stellen zu dick aufträgt, wird am Ende ziemlich klar: Der Beginn einer Flucht bedeutet immer das Ende der Kindheit.

[ Claudia Euen ]

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