D 2012, 84 min
FSK 0
Verleih: mindjazz

Genre: Dokumentation

Regie: Heike Fink

Kinostart: 05.12.13

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Eisheimat

Aus Töchtern wurden Dóttirs

Statt Anna Anita Lange heißt sie längst Anna Anita Valtysdóttir: Nicht nur ein neues Land wartete auf sie und andere deutsche Frauen, auch der ungewohnte Name nach der Heirat. Allein Schreibweise und Klang verraten, es war Island, die EISHEIMAT. Und in Deutschland war der letzte Krieg vorbei.

Regisseurin Heike Fink zeigt in ihrem Dok-Film „umgekehrte“ Migration, ohne Kommentar, ohne Zeittafeln, allein mit Bildern und Gesprächen. Wo sich zuletzt Spielfilme wie DIE ANDERE HEIMAT und GOLD mit dem Wegziehen Deutscher vor über 100 oder 200 Jahren beschäftigt haben, sind die Wanderbewegungen gerade im letzten Jahrhundert kaum im Kino angekommen. Für die gesellschaftliche Entwicklung mögen sie von so entscheidender Bedeutung nicht gewesen sein, für den Einzelnen waren sie es auf teils extreme Weise. Dort setzt EISHEIMAT an.

Sechs Frauen stehen im Mittelpunkt, die so gar nicht das Schwärmen der Island-Touristen aufnehmen wollen. Der stumme Beginn hat noch viel davon – Pferde, Robben, Treibeis, siedende Quellen. Aber schon die ersten Worte der alten Damen ernüchtern. Da wird heftig an „Schlesien erinnert“, man bliebe auch nach so langer Zeit eben „immer deutsch“ oder „die Ausländerin.“ Bitter gar das Resümee: „Die einzige Heimat, die mir bleibt, ist der Friedhof.“ Sie kamen vor über 60 Jahren und ließen ihre Leben in einem Deutschland zurück, von dem sie sich nicht nur unter Schmerzen trennen mußten. Ilse Björnsson fühlte sich von ihrer Mutter ausgestoßen, ihr Reiseziel konnte nicht weit genug entfernt, nicht isoliert genug sein. Anna Karólina Gústafsdóttir aus Lübeck hatte schon Kind und Mann, als sie fortging. Die Isländer wollten jedoch vor allem Frauen auf die Vulkaninsel locken, die zudem noch anpacken konnten. Der dortige Bauernverband hatte in norddeutschen Zeitungen Annoncen geschaltet, über 200 Frauen verließen daraufhin Deutschland, wo es nach dem Krieg schwer war, einen Mann zu finden. Arbeiten konnten sie ja.

Vor der Kamera ist viel vom Gestern die Rede, viel vom Aushalten und Anderssein, von Verlust und Schwere. Einige Protagonistinnen – sie sind alle über 80 – schaffen es erstmals, über Schwerwiegendes zu sprechen. Eine der Seniorinnen sagt: „Ich habe es nur bereut, daß ich geheiratet habe.“ Ihr Mann sitzt neben ihr, sie spricht deutsch, er versteht nichts. Ein wirklich berührendes Bild, wo ansonsten eher die Nüchternheit regiert.

[ Andreas Körner ]

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